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Anlagestrategie

Sicherheit ist das neue Risiko

Warum deutsche Sparer systematisch Vermögen verlieren – und weshalb viele ETF-Portfolios und Versicherungen Teil des Problems sind

15. Dezember 2025
12 Min. Lesezeit
10 Aufrufe
Von Ulrich Schild von Spannenberg

Sicherheit ist das neue Risiko

Warum deutsche Sparer systematisch Vermögen verlieren – und weshalb viele ETF-Portfolios und Versicherungen Teil des Problems sind

Deutschland gilt als Land der Sparer. Kaum ein anderes Land hält einen derart großen Teil des privaten Vermögens in Bankeinlagen, Versicherungen und vermeintlich „sicheren" Vorsorgeprodukten. Diese Vorsicht wird politisch gelobt, kulturell gepflegt und medial bestätigt. Doch sie hat einen Preis. Und dieser Preis ist hoch.

Denn während sich Kontostände ruhig entwickeln und Versicherungsabrechnungen Stabilität suggerieren, findet im Hintergrund etwas anderes statt: ein kontinuierlicher, mathematisch unausweichlicher Kaufkraft (Statistisches Bundesamt)verlust. Nicht spektakulär, nicht über Nacht, sondern leise. Und genau darin liegt die Gefahr. Wer Verluste nicht spürt, sondern nur später feststellt, erkennt zu spät, dass er jahrzehntelang falsch gespart hat.

Der Kern des Problems: Sicherheit wird falsch definiert

Für viele deutsche Sparer bedeutet Sicherheit: keine Schwankungen, keine Schlagzeilen, keine roten Zahlen. Diese Definition stammt aus einer Zeit, in der Zinsen real positiv waren, Staatsschulden überschaubar und Versicherungsversprechen finanzierbar. Diese Zeit ist vorbei.

Heute bedeutet Sicherheit etwas anderes. Sicherheit bedeutet, Kaufkraft zu erhalten. Sicherheit bedeutet, Eigentum rechtlich sauber zu schützen. Sicherheit bedeutet, Risiken bewusst zu steuern statt sie zu verdrängen.

Genau daran scheitert das deutsche Spar- und Vorsorgesystem – strukturell, nicht im Detail.

Der erste Irrtum: „Ich habe ETFs, also bin ich global und sicher investiert"

In den vergangenen Jahren haben viele Sparer erkannt, dass Sparbuch und klassische Lebensversicherung langfristig nicht funktionieren. Sie reagieren mit dem, was ihnen als moderne Lösung verkauft wird: kostengünstige ETFs. Das klingt rational. Es ist oft der erste richtige Schritt – aber selten der letzte.

Denn in der Praxis sehen die meisten ETF-Portfolios deutscher Privatanleger erstaunlich ähnlich aus. Ein MSCI-World-ETF, vielleicht ergänzt um einen Europa-ETF oder einen Anleihe-ETF. Das wird als „weltweit diversifiziert" wahrgenommen. Tatsächlich ist es das häufig nicht.

Der MSCI World ist kein Weltindex

Der MSCI World bildet ausschließlich entwickelte Industrieländer ab. Schwellenländer, also Regionen mit über 80 Prozent der Weltbevölkerung und einem Großteil des künftigen Wachstums, fehlen vollständig. Wer nur den MSCI World hält, verzichtet bewusst auf diese Dynamik.

Noch gravierender ist die Konzentration innerhalb des Index. Der MSCI World ist marktkapitalisierungsgewichtet. Das bedeutet: Je größer und teurer ein Unternehmen bewertet ist, desto höher sein Gewicht. In der aktuellen Struktur führt das zu einer massiven Übergewichtung weniger US-Technologiekonzerne. Apple, Microsoft, Nvidia, Amazon, Alphabet – diese Unternehmen dominieren den Index. Zusammen machen sie einen erheblichen Teil der Indexentwicklung aus.

Was nach „passivem Investieren" aussieht, ist in Wahrheit eine implizite Wette: auf US-Aktien, auf den US-Dollar, auf ein enges Segment des Technologiesektors und auf die Fortsetzung hoher Bewertungen. Fällt eine dieser Säulen, fällt das gesamte Portfolio überproportional.

Das ist kein theoretisches Risiko. Es ist eine strukturelle Tatsache moderner Indizes. Und sie wird umso gefährlicher, je weniger Anleger sie verstehen.

Viele sogenannte ETF-Portfolios sind daher nicht konservativ, sondern hochgradig konzentriert. Sie schwanken vielleicht weniger als Einzelaktien, aber sie sind alles andere als ausgewogen. Sicherheit entsteht hier nur als Gefühl – nicht als Struktur.

Der zweite Irrtum: „Im Versicherungsmantel wird es noch sicherer"

Wer ETFs mit Versicherungen kombiniert, glaubt oft, zwei Welten zu vereinen: die Renditechancen der Kapitalmärkte und die Sicherheit einer Versicherungshülle. Genau hier beginnt der nächste systemische Fehler.

Denn rechtlich ist ein ETF im Depot etwas völlig anderes als ein ETF in einer deutschen fondsgebundenen Lebens- oder Rentenversicherung.

Sondervermögen vs. Sicherungsvermögen

Im Depot ist der ETF Sondervermögen. Er gehört dem Anleger. Er ist vom Vermögen der Bank getrennt. Geht die Bank insolvent, bleibt der ETF unangetastet.

In der deutschen fondsgebundenen Versicherung ist das anders. Dort sind die Fonds Teil des sogenannten Sicherungsvermögens des Versicherungsunternehmens. Dieses Sicherungsvermögen ist kein Sondervermögen des Kunden, sondern Bestandteil der Bilanz des Versicherers. Der Kunde ist nicht Eigentümer, sondern Gläubiger.

Das ist keine Meinungsfrage, sondern geltendes Recht, bestätigt durch die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages. Und es hat Konsequenzen.

Im Krisenfall erlaubt das Versicherungsaufsichtsrecht der BaFin (bafin.de), Zahlungen auszusetzen, Rückkäufe zu verbieten und Leistungen zu beschränken. Auch fondsgebundene Policen sind davon betroffen, weil ihre Anlagen Teil des Sicherungsvermögens sind. Genau für solche Situationen existiert diese Regelung.

Damit wird deutlich: Der deutsche Versicherungsmantel schützt nicht primär den Kunden, sondern die Stabilität des Systems. Er ist ein kollektivistisches Sicherungsinstrument, kein individuelles Eigentumsschutzsystem.

Die praktische Realität: zusammengewürfelte Portfolios und falsche Anreize

Zur rechtlichen Schwäche kommt eine operative. In der Praxis sind viele Portfolios innerhalb deutscher fondsgebundener Versicherungen schlecht konstruiert. Nicht aus bösem Willen, sondern aus systemischen Gründen.

Versicherungsvertreter und viele Makler sind keine Kapitalmarktexperten. Sie werden nicht für Portfolioqualität bezahlt, sondern für Vertragsabschlüsse. Ihre Ausbildung ist versicherungsrechtlich geprägt, nicht kapitalmarktwissenschaftlich. Entsprechend sehen viele Fondslisten aus: viele Positionen, wenig Logik, hohe Überschneidungen, unnötige Kosten.

Häufig werden Fonds ausgewählt, weil sie gut verkauft werden können, nicht weil sie sinnvoll in ein Gesamtportfolio passen. Rückvergütungen und interne Anreizsysteme verstärken diesen Effekt. Die Folge sind Konstruktionen, die weder global sauber diversifiziert noch strategisch kohärent sind.

Stiftung Warentest bestätigt dieses Bild regelmäßig. In Tests fondsgebundener Rentenversicherungen schneiden viele Tarife schlecht ab – nicht wegen der Kapitalmärkte, sondern wegen Kosten, Intransparenz und mangelhafter Struktur. Selbst wenn ETFs enthalten sind, bleibt das Gesamtergebnis oft enttäuschend.

Das Problem ist also nicht der ETF an sich. Das Problem ist der Rahmen, in dem er eingesetzt wird – und die fehlende Expertise bei seiner Kombination.

Kosten und Steuern: der schleichende Vermögensabfluss

Kosten sind der einzige sichere Renditekiller. Jeder Prozentpunkt Kosten wirkt wie eine negative Verzinsung – jedes Jahr, über Jahrzehnte. In deutschen Versicherungsprodukten liegen die Effektivkosten häufig deutlich über zwei Prozent pro Jahr, hinzu kommen Abschluss- und Vertriebskosten.

Im Vergleich dazu sind moderne Netto-Strukturen mit Gesamtkosten um die 0,8 Prozent pro Jahr möglich. Der Unterschied klingt klein. Er ist es nicht. Über 30 Jahre entscheidet er über Hunderttausende Euro Endvermögen.

Hinzu kommt die steuerliche Behandlung. In klassischen Depots werden Erträge laufend besteuert. Der Zinseszins wird dadurch jedes Jahr beschnitten. Steuerstundung ist kein Trick, sondern ein mathematischer Vorteil. Wer Erträge erst am Ende besteuert, lässt sie zwischendurch arbeiten.

Die liechtensteinische Lösung: ein anderer Rechtsrahmen

An dieser Stelle wird die Diskussion oft emotional. „Liechtenstein" klingt für manche nach Ausland, nach Sonderweg, nach Unsicherheit. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

Liechtenstein ist Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums. EU-Recht wird angewendet. Die Versicherer unterliegen der Aufsicht der Finanzmarktaufsicht Liechtenstein und der europäischen Aufsichtsbehörde EIOPA. Für das Geschäft in Deutschland besteht zusätzlich BaFin-Rechtsaufsicht.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Aufsicht, sondern im Eigentumsrecht.

Nach liechtensteinischem Versicherungsaufsichtsrecht bildet das Deckungskapital der Kunden eine gesetzlich geschützte Sondermasse. Im Konkursfall darf dieses Vermögen nicht angetastet werden. Es fällt nicht in die Konkursmasse. Ausschließlich die Versicherungsnehmer haben Zugriff darauf.

Das ist der fundamentale Unterschied zur deutschen Lösung. Dort bleibt das Vermögen Teil der Unternehmensbilanz. Hier wird es rechtlich abgesondert.

Hinzu kommen weitere strukturelle Vorteile: Netto-Policen ohne Provisionen, transparente Kosten, hohe Flexibilität bei Fondswechseln, echte Steuerstundung und – entscheidend – die Möglichkeit, eine wirklich global diversifizierte, wissenschaftlich konstruierte Anlagestrategie umzusetzen.

Warum es am Ende nicht um Produkte geht

Diese Debatte wird häufig als Produktdebatte geführt. Das ist ein Fehler. Es geht nicht um ETFs versus Fonds, nicht um Deutschland versus Liechtenstein, nicht um alt versus neu.

Es geht um Struktur.

Wer heute vorsorgen will, muss drei Fragen beantworten:

  1. Bin ich global sinnvoll diversifiziert – oder halte ich Klumpenrisiken für Sicherheit?
  2. Bin ich rechtlich Eigentümer meines Vermögens – oder nur Anspruchsinhaber?
  3. Sind Kosten, Steuern und Anreize so gestaltet, dass sie für mich arbeiten – oder gegen mich?

Viele deutsche Lösungen beantworten diese Fragen schlecht. Nicht, weil sie „falsch" sind, sondern weil sie aus einer anderen Zeit stammen.

Fazit

Der größte Irrtum deutscher Sparer ist nicht mangelnde Risikobereitschaft. Es ist der Glaube, Sicherheit entstehe durch das Vermeiden von Schwankungen. In Wahrheit entsteht sie durch Struktur, Eigentumsschutz und ökonomische Logik.

Ein MSCI-World-ETF allein ist keine globale Diversifikation.

Ein Versicherungsmantel allein ist kein Vermögensschutz.

Ein ruhiger Kontostand ist kein Beweis für Sicherheit.

Sicherheit ist heute anspruchsvoller. Sie verlangt Wissen, Klarheit und den Mut, alte Gewissheiten zu hinterfragen. Wer dazu bereit ist, kann Vorsorge neu denken – nicht als Verzicht, sondern als strategische Entscheidung.


Weiterführende Lektüre: Finanzrechner | Portfolio-Analyse | Honorar & Gebühren | Kontakt

UvS

Ulrich Schild von Spannenberg

Seit über vier Jahrzehnten bewege ich mich im Spannungsfeld von Wirtschaft, Geld und Verantwortung. Mehr als zwanzig Jahre war ich in leitenden Positionen großer Finanzkonzerne tätig – bevor ich den Entschluss fasste, meine Expertise nicht länger für die Ziele dieser Konzerne, sondern ausschließlich für die Anliegen ratsuchender Menschen einzusetzen.

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