Wir verwenden Cookies

Wir verwenden Cookies und ähnliche Technologien, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung zu bieten, unsere Website zu verbessern und Ihnen relevante Inhalte anzuzeigen. Einige Cookies sind notwendig, andere helfen uns, die Website zu analysieren und zu optimieren.

Wirtschaftspolitik

Deglobalisierung – Wie ein neuer weltwirtschaftlicher Strukturbruch unseren Wohlstand gefährdet

Deglobalisierung ist längst keine Theorie mehr. Die Weltwirtschaft zieht sich zurück, Lieferketten werden neu geordnet, Handelskonflikte nehmen zu. Wie dieser Strukturbruch unseren Wohlstand gefährdet und warum Europa besonders verwundbar ist.

15. Januar 2025
12 Min. Lesezeit
2 Aufrufe
Von Ulrich Schild von Spannenberg

Deglobalisierung ist längst keine Theorie mehr, sondern ein globaler Trend, der sich seit gut anderthalb Jahrzehnten beschleunigt. Die Phase ungebremster Offenheit, in der Handel, Kapital und Technologie nahezu grenzenlos flossen, war ein historischer Ausnahmezustand. Dieser Ausnahmezustand endet. Die Weltwirtschaft zieht sich zurück, Lieferketten werden neu geordnet, Handelskonflikte nehmen zu, und wirtschaftliche Kooperation wird zunehmend durch geopolitische Rivalität ersetzt.

Der schleichende Wandel, der zur tektonischen Verschiebung wurde

Daten des Internationalen Währungsfonds zeigen, dass der Welthandel seit der Finanzkrise 2008 nur noch halb so schnell wächst wie in den zwei Jahrzehnten zuvor. Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen: Die globale Finanzkrise erschütterte das Vertrauen in das liberale Wirtschaftsmodell, der Handelskonflikt zwischen den USA und China institutionalisiert wirtschaftliche Konfrontation als geopolitisches Instrument, und die Pandemie legte offen, wie fragil internationale Lieferketten sein können.

Das Resultat ist eine weltwirtschaftliche Verlangsamung, die der Economist bereits 2019 als „Slowbalisation" bezeichnete. Doch Slowbalisation ist mehr als ein verlangsamt wachsender Welthandel – sie ist eine strukturelle Verschiebung, die Weltmärkte fragmentiert, Investitionen hemmt und Produktivität dämpft.

Warum die Globalisierung so viel Wohlstand geschaffen hat

Über Jahrzehnte war Globalisierung der wichtigste Motor für Wachstum. Die Weltbank geht davon aus, dass der offene Handel seit 1990 über eine Milliarde Menschen aus extremer Armut befreit hat – vor allem in Asien. Auch in Industrieländern brachte die Integration in globale Märkte klare Vorteile: niedrigere Preise durch Wettbewerb, größeren technologischen Austausch, Skaleneffekte, Spezialisierung und eine wesentlich größere Gütervielfalt.

Der Nobelpreisträger Paul Krugman brachte dies früh auf den Punkt: „Handel ist keine Nullsummenlogik, sondern ein Instrument, das beide Seiten reicher macht, wenn die Regeln stabil bleiben." Doch die Regeln sind heute weniger stabil.

Die messbaren Folgen einer fragmentierten Welt

Die wirtschaftlichen Kosten der Deglobalisierung sind längst sichtbar. Studien des IWF zeigen, dass eine harte geopolitische Blockbildung das globale BIP langfristig um bis zu sieben Prozent senken könnte – ein wirtschaftlicher Schaden, der größer wäre als die globale Finanzkrise 2008.

OECD-Analysen zeigen, dass ausländische Direktinvestitionen seit 2018 strukturell zurückgehen. Der Welthandel wächst nur noch in Zeitlupe. Das McKinsey Global Institute schätzt, dass die Intensität globaler Lieferketten heute rund 5–10 % niedriger ist als vor 15 Jahren.

Europa und Deutschland im Gegenwind

Während die USA dank niedriger Energiepreise und massiver Industrieanreize attraktiv bleiben und China strategische Industrien stützt, steht Europa zwischen den Stühlen: geopolitisch abhängig, energiepolitisch verwundbar und wirtschaftspolitisch zunehmend reguliert.

Die Europäische Union hat sich zu den ambitioniertesten CO₂-Zielen der Welt verpflichtet. Doch ihre Regulierungstiefe ist global nahezu einzigartig. Unternehmen müssen parallel Klimaregeln, Taxonomie-Vorschriften, Nachhaltigkeitsberichte, Lieferkettenkontrollen und strenge Beihilferegeln erfüllen. Der Bürokratieindex des Instituts der deutschen Wirtschaft erreichte 2024 den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung.

Deutschlands energiepolitische Besonderheit

Deutschland ist das Musterbeispiel dafür, wie externe Schocks und interne Entscheidungen sich gegenseitig potenzieren. Industriestrompreise sind in Deutschland im internationalen Vergleich extrem hoch. Laut Eurostat lagen sie 2023 für industrielle Großkunden um ein Vielfaches über denen der USA.

BASF kündigte bereits 2023 an, einen großen Teil seiner Chemieproduktion nach China zu verlagern und Tausende Arbeitsplätze in Ludwigshafen abzubauen. Lanxess, Aurubis, ArcelorMittal und weitere Unternehmen haben ähnliche Maßnahmen angekündigt. Diese Strukturveränderungen sind Anzeichen eines tiefgreifenden Deindustrialisierungsprozesses.

Der institutionelle Zerfall: Eine Welt ohne funktionierende WTO

Ein zentrales Fundament der Globalisierung war die Welthandelsorganisation (WTO). Doch seit die USA seit 2019 die Neubesetzung des Berufungsgremiums blockieren, ist die WTO in zentralen Bereichen handlungsunfähig. Streitfälle können nicht mehr endgültig entschieden werden.

Doppelter Strukturbruch

Wenn externe Schocks auf interne Schwächen treffen, entsteht ein doppelter Strukturbruch. Deglobalisierung reduziert Effizienz, erhöht Kosten und fragmentiert Märkte. Zugleich steigern europäische und deutsche Regulierungen Produktionskosten, Investitionsrisiken und bürokratische Belastungen.

Der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, Jürgen Stark, warnte bereits 2022, dass Deutschland Gefahr laufe, „sein industrielles Fundament zu verlieren", wenn Energiepolitik und Standortbedingungen nicht fundamental überdacht würden.

Eine intelligentere Globalisierung statt Rückzug in Autarkie

Die Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte war nicht perfekt. Doch die Antwort auf diese Herausforderungen ist keine Rückkehr zu Autarkie. Die Antwort ist eine intelligentere, resiliente und strategisch ausbalancierte Globalisierung.

Europa braucht eine Globalisierung, die wirtschaftliche Offenheit mit strategischer Sicherheit verbindet. Dazu zählen diversifizierte Lieferketten, partnerschaftliche Handelsabkommen, eine reformierte WTO und eine realistische Energiepolitik, die Wettbewerbsvorteile stärkt statt sie abzuschaffen.

Fazit

Die Frage ist nicht, ob Globalisierung weiter existiert. Die Frage lautet, welche Form von Globalisierung künftig dominiert: eine fragmentierte Welt, die Wohlstand verliert, oder eine vernetzte Welt, die Stabilität schafft.

Für Europa und Deutschland ist die Antwort klar: Ohne eine Kurskorrektur in Energie-, Industrie- und Regulierungspolitik werden Deglobalisierung und interne Fehlsteuerungen das wirtschaftliche Fundament weiter aushöhlen. Stabilität, Wohlstand und technologische Souveränität sind nur erreichbar, wenn externe Herausforderungen und interne Reformen gemeinsam gedacht werden.

Weiterführende Informationen: Offizielle Quelle | Weitere Studie

Weiterführende Lektüre: Passender Artikel

Tags:

["Deglobalisierung""Welthandel""Europa""Deutschland""Energiepolitik""Industriepolitik""Standortfaktoren"]
UvS

Ulrich Schild von Spannenberg

Seit über vier Jahrzehnten bewege ich mich im Spannungsfeld von Wirtschaft, Geld und Verantwortung. Mehr als zwanzig Jahre war ich in leitenden Positionen großer Finanzkonzerne tätig – bevor ich den Entschluss fasste, meine Expertise nicht länger für die Ziele dieser Konzerne, sondern ausschließlich für die Anliegen ratsuchender Menschen einzusetzen.

Bleiben Sie informiert

Erhalten Sie regelmäßig fundierte Analysen zu Kapitalmarkt, Regulierung und Anlagestrategie – frei von Produktwerbung.

Bleiben Sie informiert

Monatliche Finanzmarkt-Insights direkt in Ihr Postfach

  • Fundierte Analysen zu Kapitalmarkt, Regulierung und Anlagestrategie
  • Unabhängig & provisionsfrei – ohne Produktwerbung
  • Wissenschaftlich fundiert – basierend auf 40 Jahren Kapitalmarkterfahrung

Nach der Anmeldung erhalten Sie eine Bestätigungs-E-Mail (Double-Opt-In). Sie können sich jederzeit abmelden. Ihre Daten werden vertraulich behandelt. Datenschutzerklärung