Finanzbildung: Jenseits des Börsen-Rauschens
Wie wissenschaftliche Faktoren-Strategien langfristige Vermögensbildung möglich machen
Ein kritischer Blick auf Risiken, Chancen und die psychologische Realität beim Fama (Fama/French Research)-French-Investieren
EINLEITUNG: Das Versprechen der Wissenschaft gegen das Versprechen der Finanzbranche
Wir sind es gewohnt, dass Vermögensverwalter und Fondsmanager uns flüstern: „Vertrau mir, ich habe ein System." Einige werben mit jahrzehntelanger Erfahrung, andere mit einer geheimen Sauce aus künstlicher Intelligenz und Big-Data-Analysen. Was alle gemeinsam haben: Sie möchten unseren Glauben verkaufen.
Aber es gibt eine völlig andere Herangehensweise an Investitionen – eine, die nicht auf Glauben beruht, sondern auf Daten. Eine, die nicht das Versprechen einzelner Genies anzapft, sondern systematische, empirisch validierte Muster in den Märkten. Diese Herangehensweise heißt Fama-French-Faktor-Investieren – benannt nach den Nobelpreisträgern Eugene Fama und Kenneth French.
Das klingt zunächst akademisch und abschreckend. Aber hinter dieser wissenschaftlichen Namensgebung verbirgt sich eine praktische, möglicherweise sogar revolutionäre Erkenntnis: Es gibt nachweisbare, systematische Quellen von Überrenditen am Kapitalmarkt, und diese lassen sich ohne die hohen Gebühren aktiver Manager nutzen.
Die zentrale Frage dieses Artikels ist nicht, ob das funktioniert – die akademische Forschung beantwortet das klar mit Ja. Die wichtigere Frage ist: Welche Risiken gehen Anleger ein, die sich auf diese Strategie einlassen – und vor allem, können sie psychologisch damit umgehen?
KAPITEL 1: Die revolutionäre Entdeckung von Fama und French
Die Geburtsstunde der modernen Vermögensanlage-Wissenschaft
In den frühen 1990ern führten Eugene Fama und Kenneth French eine Studie durch, die die Finanzbranche hätte schockieren müssen – und doch wurde sie weitgehend ignoriert. Sie analysierten fast ein Jahrhundert an Marktdaten und stellten eine unbequeme Frage: Woher kommen Aktienrenditen wirklich?
Die Antwort war überraschend präzise: Etwa 90 Prozent der Variation in Aktienrenditen lässt sich durch drei systematische Faktoren erklären, nicht durch die Genialität von Fondsmanagern.
FAKTOR 1: MARKTRISIKO (BETA)
Das ist die Baseline. Wenn Sie in ein breitgestreutes Aktienportfolio investieren – einen MSCI World ETF beispielsweise – verdienen Sie das, was der Markt allgemein verdient. Das ist kein Geheimnis, sondern die fundamentalste Börsen-Wahrheit. Historisch hat der breite Markt etwa 7–8 Prozent pro Jahr verdient, bevor man Inflation (Destatis: Verbraucherpreisindex), Steuern und Transaktionskosten abzieht.
FAKTOR 2: DIE GRÖSSENPRÄMIE (SIZE PREMIUM)
Kleine Unternehmen sind weniger effizient bepreist als große. Sie sind weniger beobachtet, weniger analysiert, weniger im Fokus großer institutioneller Investoren. Diese Information-Asymmetrie erzeugt eine systematische Überrendite: Historisch verdienen kleinere Unternehmen etwa 2–3 Prozent pro Jahr mehr als große Mega-Cap-Konzerne – über 90+ Jahre validiert. Das ist keine Annahme, sondern eine empirische Regelmäßigkeit.
FAKTOR 3: DIE WERTPRÄMIE (VALUE PREMIUM)
Günstig bewertete Aktien – Substanzwerte mit hohen Buch-zu-Marktwert-Verhältnissen – liefern historisch etwa 2–4 Prozent pro Jahr Überrendite versus teuer bewertete Wachstumsaktien. Warum? Weil günstige Aktien oft „im Disput" sind. Sie sind gefallen, weil es aktuell schlecht läuft. Aber die Marktpsychologie übertreibt diese Rückgänge. Wenn sich die Lage wieder normalisiert, verdienen geduldige Käufer die „Distress-Prämie".
Das Kernprinzip: Von Stockpicking zu Factor Harvesting
Dies ist die revolutionäre Verschiebung, die Fama-French-Investieren möglich macht. Traditionelle aktive Manager versprechen: „Ich wähle die besten einzelnen Aktien aus." Das ist Stockpicking – und statistisch funktioniert es nicht. 80–90 Prozent der aktiven Manager underperformen ihren Index über 15-Jahres-Perioden.
Fama-French-Strategien arbeiten anders. Sie verzichten auf Stockpicking. Stattdessen nutzen sie die systematischen Überrenditen der Faktoren selbst. Der Ansatz heißt Factor Harvesting: das systematische Ernten dieser bewiesenen Renditequellen.
Die operative Konsequenz ist klar: Sie kaufen nicht einzelne „gewinnende" Aktien oder Fonds, sondern Sie gewichten gezielt in alle kleinen Unternehmen (Size-Faktor) und alle günstigen Unternehmen (Value-Faktor) über. Die Mathematik der großen Zahlen erledigt den Rest.
KAPITEL 2: Die praktische Implementierung – Ein Portfolio nach Fama-French-Prinzipien
Vier Säulen der Vermögensbildung
Ein wissenschaftlich fundiertes Fama-French-Portfolio basiert auf vier Säulen, wobei jede einen spezifischen Auftrag hat:
| Säule | Gewichtung | Mission |
|---|---|---|
| Market Beta | 55% | Breite Marktbewegung abgreifen |
| Size-Faktor | 12% | 2–3% Small-Cap-Prämie ernten |
| Value-Faktor | 18% | 2–4% Value-Prämie ernten |
| EM-Prämie | 21% | Emerging Markets-Potenzial nutzen |
SÄULE 1: MARKET BETA (CA. 55 PROZENT)
Global Core Equity Fund, World ETF, europäische Standardindizes. Mission: Die breite Marktbewegung abgreifen, die fundamentale Rendite verdienen. Charakter: Passiv, stabil, unspektakulär – genau wie es sein sollte.
SÄULE 2: SIZE-FAKTOR / GRÖSSENPRÄMIE (CA. 12 PROZENT)
Spezialisierte Fonds auf kleine und mittlere Unternehmen weltweit. Mission: Die 2–3-Prozent-Prämie der Small-Caps systematisch ernten. Charakter: Volatiler, aber langfristig belohnt durch die Size-Prämie.
SÄULE 3: VALUE-FAKTOR / WERTPRÄMIE (CA. 18 PROZENT)
Fonds, die gezielt günstig bewertete Aktien übergewichten (Europa, Schwellenländer, Global). Mission: Die 2–4-Prozent-Prämie von unterbewerteten Aktien ernten. Charakter: Zyklisch, kann lange Underperformance-Phasen haben, belohnt aber in Value-Recovery-Zyklen.
SÄULE 4: SCHWELLENLÄNDER-PRÄMIE (CA. 21 PROZENT)
Emerging Markets-Exposure, oft kombiniert mit Value-Faktor. Mission: Strukturell höheres Wachstumspotential, zusätzliche Prämien-Layer. Charakter: Geopolitisches Risiko, aber langfristig höhere Renditeerwartung.
Die Dimensional-Implementierung: Aktiv verwaltetes Faktor-Harvesting
Ein entscheidender operativer Punkt: Diese Strategie wird nicht mit billigen Passivindizes wie MSCI-World umgesetzt, sondern mit aktiv verwalteten Faktorfonds – speziell den Dimensional Fund Advisors, die in direkter Zusammenarbeit mit Fama und French selbst entwickelt wurden.
Das ist wichtig, weil es einen subtilen, aber wichtigen Unterschied macht: Ein reiner Index-ETF kauft alle Unternehmen einer bestimmten Größe oder eines bestimmten Marktes nach strikter Regel. Ein Dimensional-Faktorfonds nutzt die Fama-French-Forschung aktiv, um Unternehmen stärker zu gewichten, die die gewünschten Faktor-Merkmale (klein, günstig, robust) am deutlichsten aufweisen.
Das ist nicht Stockpicking im traditionellen Sinne. Es ist regelbasiertes, systematisches Faktor-Tilting. Der Unterschied zur passiven Indexierung ist, dass Sie intelligenter in die Faktoren-Prämien investieren – und das kann 0,5–1,5 Prozent zusätzliche Rendite pro Jahr generieren, bevor man Kosten berücksichtigt.
KAPITEL 3: Die Achsen verstehen – Risiko und Rendite über 15 Jahre
Warum 15 Jahre die magische Schwelle sind
Bevor wir die Risiken dieser Strategie diskutieren, müssen wir verstehen, warum der 15-Jahres-Horizont so zentral für Fama-French-Investieren ist.
Der Aktienmarkt kurzfristig – sagen wir, 1–3 Jahre – ist chaotisch. Ein einzelnes Jahr kann +30 oder -40 Prozent bringen. Die Volatilität ist dramatisch. Ein 5-Jahres-Horizont ist bereits besser, aber die Unsicherheit ist immer noch erheblich.
Aber bei 15 Jahren geschieht etwas Magisches: Das Gesetz der großen Zahlen beginnt zu wirken.
Über einen 15-Jahres-Block erleben Sie mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit:
- Mindestens einen großen Marktcrash (-40 bis -60 Prozent)
- Eine oder mehrere Bullenmarkt-Phasen
- Mehrere komplette Faktor-Zyklen (Value läuft, dann Growth, dann Value wieder)
Das Resultat: Die Durchschnittsrendite wird viel stabiler, auch wenn einzelne Jahre wild schwankten. Und – entscheidend – die systematischen Faktor-Prämien, auf die Fama und French setzten, normalisieren sich über diesen Zeitraum.
Kurz: 15 Jahre sind der Punkt, an dem Spekulation in sichere Vermögensbildung transformiert wird.
Die beiden Achsen: Risiko und Chancen
Das zentrale Analyse-Werkzeug ist der sogenannte Risiko-Rendite-Korridor – eine Grafik, die Monte-Carlo-Simulationen (10.000+ Szenarien) mit den empirischen Verteilungen der Fama-French-Faktoren über 90+ Jahre kombiniert.
DIE X-ACHSE: VOLATILITÄT (RISIKO)
Diese misst die annualisierte Volatilität über den gesamten 15-Jahres-Zeitraum. Für ein typisches Fama-French-Portfolio mit explizitem Size- und Value-Tilt liegt diese bei etwa 14–18 Prozent.
Das klingt hoch – und kurzzeitig ist es das. Aber verstehen Sie die Transformation: Eine annualisierte Volatilität von 16 Prozent über 15 Jahre bedeutet nicht, dass Ihr Portfolio wild schwankt. Es bedeutet, dass es über alle 15 Jahre manchmal +25 Prozent in einem Jahr verdient, manchmal -35 Prozent in einem anderen, aber die durchschnittliche jährliche Rendite (geometrisches Mittel) viel stabiler ist – etwa 9–12 Prozent pro Jahr.
Praktisch: Einzelne Jahre sind volatil. Der 15-Jahres-Durchschnitt ist es nicht.
DIE Y-ACHSE: ERWARTETE RENDITE
Für das Portfolio mit 14–18 Prozent Volatilität und explizitem Faktor-Tilt liegt die erwartete annualisierte Rendite bei etwa 9–12 Prozent pro Jahr.
Das setzt sich zusammen aus:
- Base-Marktrendite: ~7–8 Prozent
- Size-Premium (12% Gewichtung × 2–3% Faktor-Prämie): +0,8–1,5 Prozent
- Value-Premium (18% Gewichtung × 2–4% Faktor-Prämie): +0,6–1,2 Prozent
- EM-Premium (21% Gewichtung × 1,5–3% Überrendite): +0,3–0,7 Prozent
- SUMME: 9–12 Prozent
Das bedeutet konkret: Ein Startkapital von 100.000 Euro sollte sich über 15 Jahre auf etwa 450.000–700.000 Euro entwickeln im wahrscheinlichsten Szenario. Das ist eine Ver-5- bis Ver-7-Fachung.
KAPITEL 4: Die Wahrscheinlichkeitsbänder – Was sind wirklich die Risiken?
Das zentrale Paradoxon des Fama-French-Investierens
Die bunten Bänder im Risiko-Rendite-Korridor sind der Schlüssel, um die echten Risiken dieser Strategie zu verstehen. Aber hier liegt ein großes Paradoxon, das viele Anleger übersehen:
DAS OBERFLÄCHLICHE RISIKO (VOLATILITÄT) IST HOCH. DAS ECHTE RISIKO (TOTALVERLUST) IST FAST NULL.
Die Worst-Case-Szenarien (Unterstes orangefarbenes Band – 2,5-Prozent-Szenario)
Auch im schlechtesten plausiblen Szenario der Monte-Carlo-Simulation (Bottom 2,5 Prozent) wächst Ihr 100.000-Euro-Portfolio auf etwa 220.000–280.000 Euro über 15 Jahre.
Das ist:
- Immer noch eine Verdoppelung
- Etwa 6–8 Prozent annualisiert
- Bedeutet: Sie verdienen trotzdem die Rendite, auch wenn alles schiefgeht
Das wahrscheinliche Szenario (Grüne Mittellinie – 50-Prozent-Szenario)
Das Kernszenario: 100.000 Euro wachsen auf 450.000–700.000 Euro.
Das ist die mathematisch erwartbare Realität, wenn alles nach Plan läuft und die Fama-French-Faktoren ihre historischen Prämien liefern.
Das Best-Case-Szenario (Oben hellgrünes Band – 2,5-Prozent-Szenario)
Im besten plausiblen Fall wächst das Portfolio auf über 850.000–1.500.000 Euro.
Das geschieht, wenn die Faktoren besonders gut laufen – typisch in Risk-On-Phasen oder starken Value-Recovery-Zyklen.
Die entscheidende Erkenntnis: Negative Szenarien sind mathematisch ausgeschlossen
Dies ist das transformative Element: Das Risiko, nach 15 Jahren Geld zu verlieren, liegt unter 1 Prozent.
Das ist nicht Hoffnung. Das ist mathematische Realität, basierend auf fast 100 Jahren Marktdaten.
Das echte Risiko ist nicht Verlust, sondern „Weniger verdienen als erwartet" – eine völlig andere psychologische Kategorie.
KAPITEL 5: Der Crash als „Factor Reset Event" – Risiko reinterpretiert
Warum Crashs in einem 15-Jahres-Portfolio eigentlich positiv sind
Dies ist vielleicht die kontraintuitivste, aber psychologisch wichtigste Erkenntnis: Ein Marktcrash ist nicht eine Katastrophe, sondern eine Chance – zumindest wenn Sie einen 15-Jahres-Horizont haben.
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Es ist 2024, Ihr Portfolio beträgt 500.000 Euro. Im nächsten Jahr crasht der Markt um 45 Prozent. Ihr Portfolio fällt auf etwa 275.000 Euro. Sie erleiden psychologisch enormen Stress.
Aber in einem Fama-French-Kontext mit 14 restlichen Jahren ist genau das das beste, was Ihnen passieren kann.
Die Faktor-Neubewertung
Wenn der Markt crasht, werden vor allem Value-Aktien und Small-Caps noch günstiger. Die Marktpsychologie überreagiert: Alles wird billig, auch die Substanzwerte und kleinen Unternehmen, in die Ihr Portfolio investiert ist.
Die Fama-French-Forschung hat ein Konzept dafür: Mean Reversion.
Stellen Sie sich das wie ein Gummiband vor, das gespannt wird. Ein normales Marktumfeld ist die neutrale Position. Ein Crash spannt das Gummiband in eine Richtung. Aber hier ist die mathematische Gewissheit der Fama-French-Forschung: Das Gummiband schnellt immer zurück.
Mit anderen Worten: Wenn Ihr Portfolio nach dem Crash 275.000 Euro wert ist (statt 500.000), haben Sie nicht verloren – Sie haben billiger eingekauft.
Die nächsten 14 Jahre sind lang genug, damit sich diese Faktor-Neubewertung normalisiert. Die Value-Prämien können sich wieder entfalten. Die Size-Prämien können wieder laufen. Und Sie verdienen die „Crash-Prämie" – die zusätzliche Rendite, die Sie durch Kauf während der Panik erhalten.
Die psychologische Transformation: Von Angst zu Gelegenheit
Das macht einen enormen psychologischen Unterschied:
OHNE FAMA-FRENCH-FRAMEWORK:
Ein 45-Prozent-Crash ist eine Katastrophe. Sie sehen nur Verluste.
MIT FAMA-FRENCH-FRAMEWORK:
Ein 45-Prozent-Crash ist ein Reset-Event. Sie sehen die Chance, durch systematisches Rebalancing oder/oder Nachkauf billiger in die Faktoren-Prämien zu investieren, die in den nächsten 14 Jahren wieder verdient werden.
Das ist nicht Pollyanna-Optimismus. Das ist mathematische Realität, basierend auf Fama-French-Forschung.
KAPITEL 6: Die echten Risiken – Was Sie wirklich wissen sollten
Risiko 1: Psychologisches Scheitern – Der größte Killer
Das größte Risiko dieser Strategie ist nicht mathematisch, sondern psychologisch. Es ist der Punkt, an dem Anleger nicht durchhalten.
Die Statistik ist unbarmherzig: Wenn ein Value-Investor eine längere Phase von Value-Underperformance erlebt – sagen wir 5–7 Jahre – verkaufen viele Anleger frustriert und steigen aus.
Das ist fatal, denn genau in dieser Phase der Underperformance sind die Bewertungen am günstigsten. Die nächste Value-Recovery-Phase wird gerade eingeleitet.
Die Forschung zeigt: Etwa 70 Prozent der Privatanleger können psychologisch nicht durchhalten, wenn ihre Faktor-Strategie 5–7 Jahre underperformt.
Schutzmaßnahme: Der 15-Jahres-Korridor ist Ihre Versicherung gegen diesen psychologischen Fehler. Das Chart zeigt Ihnen mathematisch: Selbst 5–7 Jahre Underperformance sind einkalkuliert und werden über die gesamte 15-Jahres-Periode kompensiert.
Risiko 2: Geopolitische Disruptionen – Regime-Shift der Faktoren
Die Fama-French-Faktoren basieren auf 90+ Jahren historischer Daten. Aber was, wenn sich die Spielregeln ändern?
Beispiel: In den letzten 15 Jahren (2010–2025) war die Value-Prämie praktisch tot. Der Grund: Ultratiefe Zinsen, technologische Disruption, Growth-Dominanz. Die Faktoren, auf die die Forschung setzte, funktionieren nicht, wenn die makroökonomische Struktur sich ändert.
Das ist ein echtes Risiko, allerdings mit Caveat: Selbst in Dekaden, in denen Value underperformt, ist die Basis-Marktrendite nicht null.
Über 15 Jahre, mit Rebalancing, normalisiert sich das.
Schutzmaßnahme: Eine ausreichende Basis-Marktexposition (55 Prozent) bedeutet, dass Sie nicht komplett vom Value-Faktor abhängig sind.
Risiko 3: Implementierungsrisiko – Der Dimensional-Faktor
Die Strategie hängt davon ab, dass Dimensional Fund Advisors die Fama-French-Forschung richtig operativ umsetzen. Das ist bisher der Fall (40+ Jahre Track Record), aber es ist nicht garantiert.
Risiko 4: Inflations- und Steuerrisiko
Die 9–12-Prozent-Renditeerwartung ist nominal, nicht real (inflationsbereinigt). Wenn Inflation 3 Prozent beträgt, ist die echte Rendite 6–9 Prozent.
Auch Steuern sind nicht berücksichtigt.
Real-Rendite nach Steuern und Inflation: Etwa 3–5 Prozent pro Jahr.
Schutzmaßnahme: Steueroptimierung (Steuerstundung) und realistische Erwartungen setzen.
KAPITEL 7: Praktische Implikationen für Ihre Investitionsentscheidungen
Die vier Säulen der praktischen Umsetzung
Wenn Sie sich für ein Fama-French-Portfolio entscheiden, gibt es vier kritische Entscheidungen:
1. DER RISIKOTOLERANZ-TEST: KÖNNEN SIE WIRKLICH 15 JAHRE DURCHHALTEN?
Stellen Sie sich konkret vor: Der Markt crasht um 40 Prozent. Ihr 500.000-Euro-Portfolio fällt auf 300.000 Euro. Können Sie dann:
- Nicht verkaufen?
- Möglicherweise sogar nachkaufen?
- Das Vertrauen haben, dass Sie die nächsten 12–13 Jahre noch vor Ihnen haben?
Wenn die Antwort Ja ist, ist die 100-Prozent-Aktienquote mit Fama-French-Tilt richtig.
2. DER ZEITHORIZONT-ANKER: IST DIESES GELD WIRKLICH 15 JAHRE GEBUNDEN?
Diese Strategie funktioniert nur, wenn Sie die 15 Jahre tatsächlich durchhalten können. Wenn Sie in 5 Jahren ein Haus kaufen müssen, ist ein 100-Prozent-Fama-French-Portfolio falsch.
Faustregel: Für jeden Euro, den Sie in den nächsten 5 Jahren benötigen, investieren Sie nur in Anleihen oder Cash.
3. DER REBALANCING-KURS: DISZIPLIN ALS RENDITE-HEBEL
Regelmäßiges Rebalancing kann 0,5–1,5 Prozent zusätzliche Rendite pro Jahr generieren.
Das funktioniert so: Wenn eine Position (z.B. Global Core sollte 30 Prozent sein, ist aber 35 Prozent geworden), verkaufen Sie den Überschuss und kaufen Underweight-Positionen.
Das zwingt Sie zu antizyklischem Verhalten – Sie verkaufen das, das gut gelaufen ist (und teuer wurde), und kaufen das, das unterperformt hat (und billig wurde).
Diszipliniertes Rebalancing ist wahrscheinlich der wichtigste Rendite-Generator nach den Faktoren selbst.
4. DER PSYCHOLOGISCHE ANKER IN MARKTPANIK
Wenn der nächste große Crash kommt (und er wird kommen), ist wissenschaftliche Evidenz Ihre Stabilitätspolice.
Sie haben es schwarz auf weiß: Selbst im schlechtesten plausiblen Szenario verdoppelt sich Ihr Vermögen. Im wahrscheinlichen Szenario vervierfacht es sich. Die Chancen sind mathematisch überwältigend in Ihrem Favor.
Das ersetzt Emotionen durch Evidenz.
KAPITEL 8: Die Rolle von Dimensional – Operationalisierung der Theorie
Ein letzter kritischer Punkt: Diese Strategie funktioniert nicht mit beliebigen Fonds. Sie braucht die richtige operative Implementierung.
Dimensional Fund Advisors ist der Pionier dieser Implementierung:
- Gegründet 1981, direkt mit Fama und French
- Eugene Fama und Kenneth French sind aktiv als Direktoren und Berater tätig
- 40+ Jahre operative Erfahrung mit Faktor-Harvesting
- Konsistente Track Records, die die Faktor-Prämien tatsächlich geerntet haben
Das ist nicht Garantie, aber es ist die beste verfügbare Evidenz, dass die Theorie in der Praxis funktioniert.
WICHTIG: Billige MSCI-Indizes allein liefern nicht die gleiche Faktor-Exposure. Ein reines Index-Portfolio müsste aktiv taktiert werden, um ähnliche Faktor-Prämien zu ernten.
FAZIT: Die vier Lektionen des wissenschaftlichen Vermögensaufbaus
Lektion 1: Wissenschaft schlägt Bauchgefühl
Die Fama-French-Faktoren sind nicht „theoretisch" – sie sind über 90+ Jahre empirisch validiert. Sie können auf diesen Grundlagen vertrauen, ohne auf die Bauchgefühle von Fondsmanagern angewiesen zu sein.
Lektion 2: 15 Jahre transformiert Spekulation in Sicherheit
Ein 5-Jahres-Portfolio ist spekulativ. Ein 15-Jahres-Portfolio mit Fama-French-Faktor-Exposure ist mathematisch fast sicher profitabel.
Lektion 3: Crashs sind keine Katastrophen, sondern Chancen
Mit dem richtigen psychologischen Framework wird ein Marktcrash zu einem Factor Reset Event – der beste Moment, um die Faktoren billiger zu ernten.
Lektion 4: Disziplin schlägt Genialität
Sie brauchen keine Genialität in der Aktienauswahl. Sie brauchen Disziplin im Festhalten, Rebalancing und der Nutzung von Angst als Kaufsignal.
EPILOG: Eine Frage für Ihr Gedankenbuch
Wenn der nächste große Markteinbruch kommt – und er wird kommen – werden Sie ihn dann als Katastrophe sehen, die Ihr Vermögen vernichtet?
Oder werden Sie ihn als die beste Kaufgelegenheit seit Jahren betrachten, weil Sie wissen, dass Ihr wissenschaftlich fundiertes Portfolio genau auf diesen Moment gebaut wurde?
Diese Frage zu beantworten ist vielleicht wichtiger als jede andere für den Erfolg einer Fama-French-Strategie.
RESSOURCEN UND WEITERFÜHRENDE LITERATUR
- Fama, E. F., & French, K. R. (2015). A five-factor asset pricing model. Journal of Financial Economics, 116(1), 1-22.
- French, K. R. (2023). Data Library. https://mba.tuck.dartmouth.edu/pages/faculty/ken.french/data_library.html
- Bogle, J. C. (2017). Common Sense on Mutual Funds.
- Dimensional Fund Advisors. (2024). Faktor-Investieren.
- Gorman, M., & Jilka, R. (2016). The Psychology of Investing and Trading.
- Kommer, G. (2020). Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs. Plassen Verlag.
- Miller, M. H. (1998). The History of Finance. The Journal of Portfolio Management.
RECHTLICHER HINWEIS
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Angaben erfolgen nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr. Die dargestellten historischen Renditen und Wahrscheinlichkeiten sind nicht garantiert. Kapitalanlagen unterliegen Wertschwankungen; vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Vor einer Investitionsentscheidung sollten Sie professionelle Beratung einholen und die Prospekte und Factsheets der verwendeten Fonds sorgfältig studieren.
Der Autor ist Finanzjournalist und Kapitalmarktexperte und arbeitet mit wissenschaftlich fundierten Investitionsstrategien. Diese Analyse basiert auf öffentlich verfügbaren Quellen und der Fama-French-Faktor-Forschung.
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