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Anlagestrategie

Warum die meisten Privatanleger unbewusst spekulieren – und damit Jahr für Jahr Geld verlieren

Privatanleger spekulieren unbewusst durch Illusion der Kontrolle, Dunning-Kruger-Effekt und hochkorrelierte ETFs. Echte Diversifikation erfordert niedrige Korrelation.

04. Februar 2025
18 Min. Lesezeit
1 Aufrufe
Von Ulrich Schild von Spannenberg

Die meisten Privatanleger spekulieren, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie meinen, rational zu investieren – doch was sie tun, ist in vielen Fällen strukturiertes Glücksspiel mit ernsthaften Vermögensfolgen. Der Grund liegt nicht nur in psychologischen Verzerrungen unseres Gehirns, sondern auch in einer fundamentalen Illusion von Diversifikation, die die Finanzbranche selbst nährt.

Die vier Quellen unbewusster Spekulation

1. Die Illusion der Kontrolle durch Recherche

Das Phänomen: Ein Anleger liest einen Artikel, schaut ein YouTube-Video, konsultiert ein Forum – und fühlt sich danach befähigt, Marktentscheidungen zu treffen. Diese „Skill Cues" (Aktivität, Recherche, eigenes Urteil) täuschen das Gehirn, dass er Kontrolle über unkontrollierbare Marktbewegungen hat.

Das Problem: Der Aktienkurs folgt nicht dieser Aktivität. Er wird von Millionen von anderen Akteuren, Algorithmen, Makrotrends und Zufallsereignissen bestimmt. Der Privatanleger verwechselt Recherche mit Fähigkeit und Aktivität mit Kontrolle.

Folge: Zu häufiges Handeln, konzentrierte Positionen, unnötige Risiken.

2. Der Dunning-Kruger-Effekt: Unwissen multipliziert mit Überconfidence

Das Phänomen: Menschen mit geringem Fachwissen überschätzen ihre Kompetenz massiv – und erkennen ihre Inkompetenz nicht, weil ihnen das Wissen fehlt, um das zu tun.

Ein 40-Jähriger, der seinen Beruf gut beherrscht (z.B. Arzt, Ingenieur), liest drei Finanzblogs und kauft dann „wertvolle" Einzelaktien. Sein Gehirn verwechselt Textverständnis mit Marktkompetenz.

Das Fatale: Je weniger er über Märkte weiß, desto überzeugter ist er von seinen Fähigkeiten. Erfahrene Investoren dagegen wissen, wie viel sie nicht wissen – und sind bescheidener.

Folge: Anfänger wagen sich an die riskantesten Strategien (Einzelaktien, Markettiming, Kryptowährungen), während Profis breit streuen.

3. Emotionale Entscheidungsfilter unter Stress

Das Phänomen: Wenn der Markt crasht oder in Euphorie verfällt, übernehmen nicht die Logik-, sondern die Emotions-Zentren des Gehirns die Kontrolle.

Ein Privatanleger sieht seinen Depot nach einem Crash 30% unten. Das Gehirn registriert psychologischen Schmerz, der 2x intensiver ist als die Freude über Gewinne. Instinktiv möchte der Anleger die Schmerz-Quelle loswerden – sprich: verkaufen, und zwar beim Tiefpunkt. Wenige Wochen später rallyt der Markt, und der Anleger bereut die Panik-Entscheidung.

Folge: Der „Behavior Gap" – die tatsächliche Rendite liegt 1,5–2,9% unter der Fondsrendite, weil emotionale Entscheidungen das Vermögen aufzehren.

4. Die Illusion von Diversifikation durch fehlerhafte ETF-Auswahl

Hier liegt das zentrale, aber am wenigsten verstandene Problem: Privatanleger glauben, diversifiziert zu sein, weil sie mehrere ETFs kaufen – doch diese sind hochgradig korreliert, und sie wissen nicht, dass sie spekulieren.

Das konkrete Problem: Hohe Korrelation statt echter Diversifikation

Beispiel 1: Der klassische Anfängerfehler

Ein Privatanleger denkt rational: „Ich kaufe einen MSCI World ETF (weltweit), einen S&P 500 ETF (USA) und einen NASDAQ 100 ETF (Tech)."

Was passiert wirklich:

  • MSCI World: ~1.400 Aktien, aber ~60–64% in den Top-10-Positionen konzentriert
  • S&P 500: 500 Aktien, aber massiver US-Tech-Anteil
  • NASDAQ 100: 100 Aktien, extrem Tech-lastig

Die Korrelation zwischen diesen drei ETFs liegt bei über 0,85 – sie bewegen sich nahezu synchron.

Das Ergebnis: Der Anleger hat nicht drei unabhängige Positionen, sondern drei hochredundante Wetten auf dieselben Unternehmen (Apple, Microsoft, Amazon, Nvidia, Tesla). Bei einem Tech-Crash verliert er in allen drei Positionen gleichzeitig – genau wie bei einer Einzelaktien-Wette.

Das ist keine Diversifikation, das ist konzentrierte Spekulation mit der Illusion der Breite.

Das konkrete Problem: Der DAX-Irrglaube

Viele deutsche Privatanleger denken: „Ich investiere in den DAX – das sind die 40 besten deutschen Unternehmen, also bin ich gut aufgestellt."

Die bittere Realität:

  • Top-10 Positionen im DAX: 60–64% der gesamten Marktkapitalisierung
  • SAP allein: 14% des gesamten DAX
  • Siemens allein: 10% des DAX
  • SAP + Siemens: 24% – fast ein Viertel des gesamten Index

Ein Anleger, der einen DAX-ETF kauft, setzt nicht auf 40 Unternehmen, sondern primär auf den Erfolg von SAP und Siemens. Das ist keine breite Streuung, das ist Wette auf zwei Riesenkonzerne.

Das Problem verschärft sich durch den „Home Bias": Deutsche Privatanleger übergewichten deutschen Markt, obwohl dieser langfristig deutlich unterperformt hat. Der MSCI World hat das 2,6-fache der DAX-Rendite erbracht (seit Auflage).

Aber hier kommt die psychologische Falle: Deutscher Text, bekannte Unternehmen (SAP, Siemens, Deutsche Telekom) – das schafft ein falsches Sicherheitsgefühl. Vertrautheit wird mit Sicherheit verwechselt. Der Anleger weiß nicht, dass er spekuliert.

Das konkrete Problem: Unbewusstes Themen-ETF-Clustering

Noch subtiler ist diese Falle: Ein Anleger kauft mehrere „diversifizierende" ETFs:

  • MSCI World (global)
  • Technologie-ETF (Innovation)
  • Growth-ETF (Wachstum)

Was er nicht sieht: Diese ETFs überlappen zu 70–80%. Sie enthalten alle dieselben Mega-Cap-Tech-Aktien. Bei einem Tech-Crash sind alle drei Positionen betroffen.

Die Transaktionskosten steigen (mehrere ETF-Gebühren), das Rebalancing wird komplexer, aber die echte Diversifikation sinkt paradoxerweise, weil die Redundanz zunimmt.

Die empirische Realität der ETF-Illusion

Fidelity-Studie zu ETF-Portfolio-Überlappung

Ein durchschnittlicher Privatanleger mit 5–10 ETFs im Portfolio hat nur die effektive Anzahl von 1–2 unabhängigen Positionen. Er wähnt sich in 10 verschiedenen Wetten, handelt aber faktisch wie in 1–2 konzentrierten Positionen.

Morningstar-Analyse (2025)

Bei Privatanlegern mit „diversifizierten" ETF-Portfolios lag der Korrelationskoeffizient zwischen den verschiedenen ETFs bei durchschnittlich 0,87 – deutlich zu hoch für echte Risikostreuung. (Echte Diversifikation erfordert Korrelationen unter 0,60.)

Warum ist das so gefährlich?

Das mathematische Desaster

Ein Privatanleger kauft einen MSCI World ETF mit 1.400 Aktien – und denkt: „Jetzt bin ich perfekt diversifiziert."

Die Wahrheit: Aufgrund der Marktkapitalisierungs-Gewichtung sind die effektiv wirksamen Aktien nur etwa 100 – nicht 1.400. Die restlichen 1.300 Aktien sind im Gewicht so klein, dass sie praktisch keine Rolle spielen.

Noch schlimmer: 92% der Marktrendite des S&P 500 entstand durch nur 4% aller Aktien seit 1926. Wenn diese 4% crashen, während die 96% stagnierten, verliert der „breit diversifizierte" Anleger massiv.

Der Timing-Fehler wird verstärkt

Ein Anleger mit hochkorrelierten ETFs kann nicht durch Rebalancing vom Markettiming anderer profitieren – weil seine Positionen alle gleichzeitig fallen.

Ein kluger Fama-French-Investor mit negativ korrelierten Faktoren (Value mit Quality korreliert –0,64) kann antizyklisch rebalancieren. Der Privatanleger mit hochkorrelierten ETFs kann das nicht – seine Positionen fallen im Synchronschritt.

Die psychologische Dimension: Das Unbewusste der Unbewusstheit

Die tragische Ironie: Ein Privatanleger weiß nicht, dass er spekuliert, weil:

  1. Die Finanzbranche verstärkt die Illusion: ETF-Marketing betont „1.400 Aktien!" und „globale Diversifikation!", verschweigt aber die Korrelationen und die Top-10-Konzentration.

  2. Der Anleger hat keine Korrelations-Intuition: Korrelation ist ein abstraktes Konzept. Ein Anleger kann nicht intuitiv verstehen, dass sein MSCI World + S&P 500 + NASDAQ 100-Portfolio faktisch „3x auf Tech-Aktien gewettet" ist.

  3. Psychologische Heuristiken täuschen: „Mehrere ETFs" fühlt sich wie „mehrere Wetten" an. Das Gehirn denkt: je mehr Positionen, desto sicherer. Das ist falsch, wenn alle Positionen hochkorreliert sind.

  4. Der Anfangserfolg verstärkt das Vertrauen: Wenn die tech-lastigen ETFs 2023 um 35% steigen, denkt der Anleger: „Meine Diversifikation funktioniert!" Er weiß nicht, dass er eigentlich auf ein einzelnes Thema gewettet hat. Im nächsten Jahr, wenn Tech crasht, wird die Desillusionierung brutal.

Die drei unbewussten Spekulationsmuster

Muster 1: Das „Mehrere ETFs = Diversifikation"-Syndrom

Der Anleger kauft 5–10 ETFs, denkt, er ist diversifiziert, aber alle bewegen sich zusammen. Bei Crashes verliert er 30–40%, glaubt aber, dass er breit gestreut war.

Unbewusste Spekulation: Konzentration auf ein oder zwei Mega-Trends (Tech, USA), getarnt als Diversifikation.

Muster 2: Das „Heimatmarkt-Übergewichtung"-Syndrom

Der deutsche Privatanleger kauft 50% DAX (Heimatmarkt-Bias), 30% MSCI World (überwiegend USA + Tech), 20% Emerging Markets.

Unbewusste Spekulation: Tatsächlich ~70% USA/Tech, aber psychologisch fühlt es sich ausgewogen an.

Muster 3: Das „Beliebte-Thema-ETFs"-Syndrom

Ein Anleger kauft MSCI World (breit), dann Technologie-ETF (Trend), dann Clean Energy ETF (Megatrend), dann Bitcoin-ETF (Spekulation).

Unbewusste Spekulation: Faktisch hochgradig korreliert, insbesondere die ersten drei (alle Tech/Innovation-lastig). Der Anleger sieht vier verschiedene Wetten, handelt aber faktisch wie eine Mega-Wette auf Innovation + Spekulation.

Fazit: Die strukturelle Spekulationsfalle

Privatanleger spekulieren unbewusst, weil:

  1. Psychologisch: Illusion der Kontrolle + Dunning-Kruger-Effekt + emotionale Überwältigung unter Stress
  2. Strukturell: Hochkorrelierte ETFs mit verstecktem Klumpenrisiko, getarnt als Diversifikation
  3. Institutionell: Die Finanzbranche hat kein Interesse, dieses Problem zu kommunizieren
  4. Kognitiv: Der Durchschnittanleger hat keine intuitive Erfassung von Korrelation und Risiko-Klumpen

Die bittere Wahrheit: Ein Privatanleger mit einem MSCI World ETF ist oft besser diversifiziert als einer mit fünf hochkorrelierten ETFs, weil er weniger Transaktionskosten und weniger emotionale Handlungsmöglichkeiten hat. Der Grund ist paradox: Weniger Komplexität führt zu besserer Disziplin.

Die Lösung

Nicht mehr ETFs, sondern regelgesteuerte ETF-Auswahl mit dokumentierter niedriger Korrelation zwischen den Positionen. Fama-French-Faktor-Portfolios mit negativer Faktor-Korrelation funktionieren, weil sie spekulatives Verhalten strukturell unmöglich machen – nicht trotz, sondern wegen der wissenschaftlichen Konstruktion.

Ein Privatanleger, der versteht, dass Diversifikation nicht bedeutet „viele ETFs haben", sondern „Positionen mit niedriger Korrelation halten", hat bereits den ersten Schritt aus der unbewussten Spekulation getan.


Über den Autor: Ulrich Schild von Spannenberg ist seit über vier Jahrzehnten im Spannungsfeld von Wirtschaft, Geld und Verantwortung tätig. Mehr als zwanzig Jahre war er in leitenden Positionen großer Finanzkonzerne tätig – bevor er den Entschluss fasste, seine Expertise nicht länger für die Ziele dieser Konzerne, sondern ausschließlich für die Anliegen ratsuchender Menschen einzusetzen.

Weiterführende Informationen: Offizielle Quelle | Weitere Studie

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UvS

Ulrich Schild von Spannenberg

Seit über vier Jahrzehnten bewege ich mich im Spannungsfeld von Wirtschaft, Geld und Verantwortung. Mehr als zwanzig Jahre war ich in leitenden Positionen großer Finanzkonzerne tätig – bevor ich den Entschluss fasste, meine Expertise nicht länger für die Ziele dieser Konzerne, sondern ausschließlich für die Anliegen ratsuchender Menschen einzusetzen.

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