Von Ulrich Schild von Spannenberg
Versteckte ETF-Kosten sind eines der am meisten unterschätzten Themen im gesamten Fondsgeschäft. Seit Jahren predigt die Finanzindustrie das scheinbar unumstößliche Mantra, dass eine niedrige TER automatisch zu einer besseren Nettorendite führt. Diese Logik klingt eingängig, greift aber in der Praxis zu kurz. Denn entscheidend ist nicht, welche Zahl im Produktblatt am kleinsten wirkt, sondern welche Lösung nach allen Kosten wirtschaftlich am effizientesten umgesetzt wird.
Als Vermögensberater mit jahrzehntelanger Kapitalmarkterfahrung habe ich gelernt: Die wichtigsten Kosten sind oft die unsichtbaren. Während Millionen Anleger fast ausschließlich auf die Gesamtkostenquote starren, übersehen sie systematisch Spreads, Rebalancing-Effekte, Umsetzungsnachteile, Tracking Difference, Marktimpact und potenzielle Interessenkonflikte im Vertrieb. Genau diese Faktoren können die Rendite deutlich stärker belasten als die ausgewiesene Verwaltungsgebühr.
Wer ETF-Kosten realistisch beurteilen will, muss deshalb wie ein institutioneller Investor denken: nicht in TER, sondern in der Total Cost of Ownership. Das gilt umso mehr, wenn es um breite Indexportfolios, Faktorbausteine, Small Caps oder internationale Marktabdeckung geht.
Die Illusion niedriger ETF-Kosten
Die TER erfasst nur die laufenden Kosten, die im Fonds selbst ausgewiesen werden. Sie ist wichtig, aber sie bildet eben nur einen Teil der wirtschaftlich relevanten Gesamtkosten ab. Darauf weist auch die europäische Wertpapieraufsicht ESMA in ihren aktuellen Kostenberichten hin, in denen ausdrücklich zwischen laufenden Kosten, Transaktionskosten und weiteren Belastungen differenziert wird.
Für Privatanleger entsteht dadurch ein gefährlicher Wahrnehmungsfehler: Was billig aussieht, muss wirtschaftlich nicht billig sein. Gerade bei ETFs wird die tatsächliche Kostenrealität häufig erst im Handel, in der Indexumsetzung und in der realen Nettoperformance sichtbar.
Was die TER nicht zeigt
1. Index-Rebalancing und vorhersehbarer Handelsdruck
Passive ETFs sind an Indizes gebunden, deren Anpassungen nach bekannten Regeln erfolgen. MSCI überprüft seine Indexzusammensetzungen turnusmäßig im Rahmen der Quarterly Index Reviews. Werden Titel aufgenommen oder entfernt, wissen Marktteilnehmer frühzeitig, dass viele indexnahe Produkte rund um den Anpassungszeitpunkt ähnliche Handelsrichtungen haben werden.
Das bedeutet nicht, dass jeder ETF am exakt selben Punkt und auf identische Weise handeln muss. Es bedeutet aber sehr wohl, dass rund um planbare Indexänderungen zusätzlicher Kauf- oder Verkaufsdruck entstehen kann. Harvard-Forscher haben den sogenannten „Index Effect" eingehend analysiert und zeigen, dass dieser Effekt in den letzten Jahren zwar abgenommen hat, aber nicht verschwunden ist. Wirtschaftlich relevant können diese Effekte dennoch sein.
Besonders in weniger liquiden Marktsegmenten kann die starre Bindung an Indexregeln zu schlechteren Umsetzungskursen führen als bei flexibleren Strategien. Der Preis dafür steht nicht in der TER, belastet aber die Rendite.
2. Tracking Difference als realitätsnäherer Kostenindikator
Die Tracking Difference misst, wie stark ein ETF in der Praxis von seinem Referenzindex abweicht. Damit ist sie für Anleger oft aussagekräftiger als die bloße TER. Denn selbst bei einem ETF mit niedriger Kostenquote können zusätzliche Belastungen entstehen, etwa durch Cash-Drag, Quellensteuern, Rebalancing, Sampling-Effekte oder Handelskosten.
Tracking Difference ist allerdings keine starre Größe und nicht automatisch jedes Jahr nur negativ. Sie kann je nach Marktphase, Steuerstruktur und Fondsmechanik schwanken. Gerade deshalb lohnt es sich, nicht nur Werbeaussagen über niedrige Gebühren zu lesen, sondern die tatsächliche Indexabbildung im Zeitverlauf kritisch zu prüfen.
3. Spread und Orderausführung: die oft unsichtbare Handelsgebühr
Neben den fondsinternen Kosten gibt es eine weitere Belastung, die Privatanleger regelmäßig unterschätzen: den Spread. Er beschreibt die Differenz zwischen Geld- und Briefkurs und ist damit ein direkter Kostenfaktor jeder Transaktion. Die ESMA weist ausdrücklich darauf hin, dass Spreads bei ETFs wirtschaftlich relevant sind und in standardisierten Kostendarstellungen nicht immer vollständig sichtbar werden.
Wer mit 0-Euro-Orders oder 1-Euro-Trades gelockt wird, übersieht leicht, dass die eigentliche Kostenwahrheit oft im Kurs selbst steckt. Eine scheinbar billige Order kann wirtschaftlich teuer sein, wenn der ETF zu einem ungünstigen Kurs gehandelt wird. Besonders heikel sind drei Konstellationen: außerhalb liquider Kernhandelszeiten, an weniger liquiden Handelsplätzen und bei sehr speziellen oder engen ETF-Segmenten.
Für langfristig orientierte Anleger ist die Konsequenz klar: ETF-Orders sollten möglichst dann ausgeführt werden, wenn der zugrunde liegende Markt liquide ist. Für Xetra nennt die Deutsche Börse Haupthandelszeiten von 9:00 bis 17:30 Uhr; seit Dezember 2025 gibt es zusätzlich den Extended Xetra Retail Service von 8:00 bis 22:00 Uhr.
4. Market Impact in weniger liquiden Segmenten
Wenn große Mittel in weniger liquide Titel gelenkt werden, kann allein die Nachfrage den Preis beeinflussen. Dieser Market Impact ist bei liquiden Standardwerten meist begrenzt, kann in Small-Cap-, Schwellenländer- oder Nischensegmenten aber spürbar werden.
Auch hier gilt: Nicht jede Konstellation ist gleich. Doch je illiquider das Marktsegment, desto wahrscheinlicher ist es, dass die praktische Umsetzung teurer wird, als das Produktblatt vermuten lässt.
5. Payment for Order Flow und mögliche neue Interessenkonflikte
Viele Neobroker haben ihr Geschäftsmodell in den vergangenen Jahren über Payment for Order Flow finanziert. Dabei wurden Kundenorders an bestimmte Handelspartner weitergeleitet, wofür der Broker eine Vergütung erhielt. Der Kunde sah diese Vergütung nicht direkt, sondern vor allem das Versprechen besonders günstiger oder kostenloser Orders.
Genau dieses Modell ist auf EU-Ebene inzwischen verboten. Art. 39a MiFIR untersagt grundsätzlich die Annahme von Payment for Order Flow; Deutschland durfte lediglich eine Übergangsregelung bis zum 30. Juni 2026 nutzen. Mit dem Auslaufen dieser Frist verschwindet die grundlegende Anreizproblematik aber nicht automatisch.
Vielmehr stellt sich die Frage, über welche Modelle entfallende Einnahmen künftig ersetzt werden. Denkbar sind etwa neue vertriebsnahe Vergütungsstrukturen, bevorzugte Platzierungen in Sparplanlisten oder andere Formen wirtschaftlicher Anreize. Das ist keine Feststellung eines bereits flächendeckend eingetretenen Zustands, aber ein realistisches Risiko, das Anleger im Blick behalten sollten.
Die wirtschaftlich relevanten Gesamtkosten eines ETF-Portfolios
Wer die wesentlichen Kostenblöcke zusammendenkt, erkennt schnell: Die TER ist nur ein Einstieg in die Analyse, nicht deren Abschluss. In vielen Konstellationen kommen zur ausgewiesenen TER weitere Belastungen hinzu – etwa aus Indexumsetzung, Tracking Difference, Spreads, Market Impact und Ausführung.
Je nach Marktsegment, Handelsverhalten und Produktkonstruktion kann daraus eine wirtschaftlich relevante Gesamtkostenbelastung entstehen, die deutlich über der ausgewiesenen TER liegt. Entscheidend ist deshalb die Total Cost of Ownership über den gesamten Investmentprozess hinweg.
Warum Dimensional in diesem Punkt anders arbeitet
Dimensional Fund Advisors setzt auf eine wissenschaftsbasierte Portfoliokonstruktion, die auf der Forschung von Eugene Fama und Kenneth French aufbaut. Im Zentrum stehen langfristig erwartete Renditetreiber wie Unternehmensgröße, Bewertung und Profitabilität.
Der praktische Unterschied liegt jedoch nicht nur in der Theorie, sondern vor allem in der Umsetzung. Dimensional beschreibt seinen Handelsansatz ausdrücklich als flexibel. Statt mechanisch an starren Stichtagen handeln zu müssen, versucht das Unternehmen, Handelsgelegenheiten selektiv zu nutzen und Kosten im Vollzug zu reduzieren.
Für Anleger ist das mehr als ein technisches Detail. Eine wirtschaftlich überzeugende Lösung ist nicht diejenige mit der billigsten Optik im Produktblatt, sondern diejenige, die wissenschaftliche Erkenntnisse nach allen Kosten möglichst effizient in Nettorendite übersetzt.
Fazit: Billig ist nicht immer günstig
Die vermeintlich niedrige TER vieler ETFs ist nur die halbe Wahrheit. Wer ausschließlich auf diese Kennzahl blickt, läuft Gefahr, wesentliche Teile der realen Kosten zu übersehen. Genau deshalb sollten Anleger nicht nur fragen, was ein Produkt offiziell kostet, sondern was es in der Praxis tatsächlich kostet.
Für langfristig orientierte Anleger, die Wert auf wissenschaftliche Fundierung, saubere Umsetzung und eine realistische Gesamtkostenbetrachtung legen, kann eine flexiblere Fondsarchitektur im Einzelfall wirtschaftlich überzeugender sein als ein scheinbar billiger Standard-ETF.
Passives Investieren bedeutet nicht, blind dem billigsten Angebot zu folgen. Es bedeutet, Kapitalmarktforschung konsequent, diszipliniert und kosteneffizient umzusetzen.
Externe Quellen und Vertiefung
- ESMA – Costs and Performance of EU Retail Investment Products 2025
- ESMA – Report on total costs of investing in UCITS and AIFs
- EUR-Lex / MiFIR – Article 39a Prohibition of receiving payment for order flow
- Deutsche Börse – Trading calendar and trading hours (Xetra)
- Deutsche Börse – Extended Xetra Retail Service
- MSCI – Quarterly Index Review
- Kenneth R. French Data Library
- Fama/French – Description of Factors
- Harvard – The Disappearing Index Effect
- Dimensional – Flexible Trading Helps Across Markets
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Der Autor ist in der Finanzberatung tätig und vertritt eigene fachliche und konzeptionelle Auffassungen.
