Können Aktien ewig steigen? Die wissenschaftliche Antwort
Vom Bauchgefühl zur begründeten Überzeugung: Warum ein global diversifiziertes Aktienportfolio langfristig wächst
Stellen Sie sich vor, Sie blicken auf Ihr Depot. Die Kurse haben sich jahrelang nach oben bewegt, Ihre Bankberaterin flüstert etwas von drohender Überhitzung und in den Medien warnen Finfluencer vor dem nächsten Crash. Prompt meldet sich das altbekannte Bauchgefühl: „Können Aktien wirklich ewig steigen?"
Diese Frage taucht gerade in Phasen guter Börsenjahre immer wieder auf. Sie entspringt der tief verankerten Sorge, dass alles, was steigt, auch wieder fallen muss. Doch sie verkennt die Struktur der modernen Weltwirtschaft und die Mechanik der Kapitalmärkte.
Dieser Beitrag geht einen anderen Weg. Er antwortet nicht mit einer bloßen Zitatensammlung oder Tabelle, sondern versucht, den wesentlichen Kern zu fassen: Warum ist ein global diversifiziertes Aktienportfolio trotz aller Krisen und Rückschläge über Jahrzehnte im Plus? Warum schlagen sich die Befürchtungen der Pessimisten historisch selten in langfristigen Verlustraten nieder? Und welche Rolle spielt die persönliche Psychologie?
Die Weltwirtschaft wächst – trotz aller Krisen
Es klingt banal, doch es ist der Dreh- und Angelpunkt jeder Investmentthese: Wirtschaftswachstum ist die Norm, nicht die Ausnahme. In vorkapitalistischer Zeit (bis etwa 1800) wuchs das Welt-BIP pro Kopf nahezu gar nicht. Erst mit der Entstehung der modernen Marktwirtschaft vervielfachten sich Produktivität und Wohlstand.
Heute leben acht Milliarden Menschen, die jeden Tag Waren und Dienstleistungen benötigen – und die meisten möchten ihren Kindern bessere Lebensbedingungen ermöglichen. Dieses Streben nach Wohlstand ist der Motor der Weltwirtschaft.
Selbst während Kriegen, Pandemien oder Finanzkrisen wuchs das globale BIP langfristig weiter. Die große Rezession 2008/09, die Corona-Pandemie 2020 oder der russische Angriffskrieg 2022 verlangsamten das Wachstum vorübergehend, aber sie stoppten es nicht dauerhaft.
Börsennotierte Unternehmen: Der produktivste Ausschnitt der Wirtschaft
Die wirtschaftliche Aktivität verteilt sich nicht gleichmäßig. Börsennotierte Unternehmen machen weltweit weniger als 0,1 % aller Firmen aus, erwirtschaften aber rund 30 % der globalen Gewinne.
Das bedeutet: Wer Aktien besitzt, hält einen Anteil an einem überproportional produktiven Ausschnitt der Wirtschaft. Dieser Anteil wächst mit der Weltbevölkerung, der Produktivität und dem technischen Fortschritt. Solange diese Faktoren positiv bleiben – und alles deutet darauf hin –, sind auch steigende Unternehmensgewinne realistisch.
Zwei zentrale Voraussetzungen für „ewiges" Wachstum
Wenn man behauptet, Aktien könnten „ewig steigen", müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein:
1. Globaler Fokus statt Heimatmarkt
Der Satz gilt nur für den gesamten Weltmarkt, nicht für einzelne Länder oder Branchen. Individuelle Märkte können stagnieren oder gar untergehen. Russland (1917), China (1949) und Japan (ab 1989) sind Beispiele. Ein breit gestreutes Weltportfolio hingegen kompensiert regionale Krisen automatisch.
2. Längerfristiges Wirtschaftswachstum
Es braucht reales Wirtschaftswachstum. Nur wenn Unternehmen ihre Gewinne steigern, können sich Aktienkurse langfristig erhöhen. Sollte die Weltwirtschaft im Mittel über Jahrzehnte Nullwachstum aufweisen, würde auch das „ewige" Wachstum der Aktien enden.
Das ist derzeit jedoch kein realistisches Szenario: Der Internationale Währungsfonds rechnet für 2025 mit einem Weltwachstum von rund 3,2 %, für 2026 mit etwa 3,1 %. Demografie, Produktivitätsschübe durch Künstliche Intelligenz und weltweiter Wohlstandshunger sprechen eher für eine Fortsetzung des Wachstums.
Was „Aktien" wirklich bedeuten: Eigentum an Produktivvermögen
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Aktien wie reine Wertpapiere zu behandeln, als seien sie nur abstrakte Kurszahlen. In Wahrheit sind Aktien Anteile an Unternehmen, die Waren herstellen, Dienstleistungen anbieten und damit Gewinne erwirtschaften.
Sie sind ein Anspruch auf einen Teil der zukünftigen Gewinne und Cashflows. Wenn also die Weltwirtschaft größer wird, steigt auch die Summe der Unternehmensgewinne. Als Aktionär partizipiert man automatisch an diesem wachsenden Kuchen.
Es ist wichtig, diese Perspektive zu internalisieren. Wer sich lediglich auf den täglichen Chartverlauf konzentriert, vergisst leicht, dass hinter jeder Schwankung reale Firmen stehen, die Produkte produzieren, forschen und expandieren. Das Kapitalmarktrecht schützt die Eigentumsansprüche der Aktionäre, sodass wir am wirtschaftlichen Fortschritt teilhaben können.
Kursschwankungen sind gewissermaßen die „Begleitmusik" zum Fortschritt – nichts weiter.
Risiko ist nicht Volatilität: Warum Schwankungen unser Freund sind
Kurzfristige Volatilität vs. langfristiges Kapitalwachstum
Anleger fürchten oft die Kursschwankungen. Medienberichte über „stürzende Kurse", Crash-Gurus oder Charttechniker verstärken dieses Unbehagen. Dabei ignorieren sie einen fundamentalen Unterschied: Volatilität ist kein Verlust, sondern lediglich die kurzfristige Abweichung um einen Trend.
Das wirkliche Risiko für langfristige Anleger besteht darin, dass das investierte Kapital dauerhaft verloren gehen könnte – und das ist bei einem globalen Portfolio extrem unwahrscheinlich.
Eine Studie des Instituts für Vermögensaufbau visualisiert die „Schwankungsrisiken" eindrucksvoll. Die Renditen des MSCI World Total Return Index von 1969 bis 2016 wurden nach Haltedauer aufgetragen:
- 1 Jahr Haltedauer: Schwankungen zwischen ca. –50 % und +70 %
- 5 Jahre Haltedauer: Spektrum zwischen –20 % und +30 %
- 10 Jahre Haltedauer: Spanne von etwa –10 % bis +20 %
- 20 Jahre Haltedauer: Kurve pendelt sich um einen leichten positiven Wert ein
Die Grafik beweist: Je länger der Anlagehorizont, desto geringer die Schwankungsbandbreite. Über sehr lange Zeiträume gibt es kaum negative Renditen – die Volatilität „verpufft". Das Risiko, mit einem breit gestreuten Weltportfolio nach 20 Jahren Verlust zu haben, nähert sich Null.
Der teure Fehler: Panikverkäufe
Manche Anleger verwechseln kurzfristige Schwankungen mit dauerhaften Verlusten. Doch wer bei Rückschlägen panisch verkauft, realisiert erst recht Verluste. Wer hingegen investiert bleibt, nutzt die Volatilität zu seinem Vorteil: Rückgänge ermöglichen das günstige Nachkaufen, Anstiege steigern das Vermögen.
Viele Deutsche parken ihr Geld aus Angst vor Schwankungen auf Tages- und Festgeldkonten und verlieren so – real – jedes Jahr Milliarden. Diese Form der „Sicherheit" hat einen hohen Preis: Kaufkraftverlust durch Inflation und entgangene Aktienrenditen.
Diversifikation eliminiert Totalausfallrisiken
Das wohl wichtigste Instrument zur Risikoreduzierung ist die Diversifikation. Sie zielt darauf ab, das spezifische Risiko einzelner Unternehmen oder Länder auszuschalten.
In einem globalen Portfolio mit hunderten oder tausenden Unternehmen verteilt sich das Risiko so, dass einzelne Pleiten kaum ins Gewicht fallen. Nur ein globaler systemischer Zusammenbruch – der einem Weltuntergang gleichkäme – könnte das Portfolio vollständig entwerten. Ein solcher Kollaps ist extrem unwahrscheinlich. Deswegen nähert sich das Totalausfallrisiko bei breiter Streuung gegen Null.
Warum Kursexplosionen kein Warnsignal sind
Wenn Aktien über längere Zeit steigen, wirken die Kursverläufe im linearen Chart exponentiell – man bekommt das Gefühl einer „Blase". In Wirklichkeit handelt es sich um den Zinseszinseffekt.
Ein konstantes jährliches Wachstum von beispielsweise 6 % führt in einer linearen Darstellung zu einer immer steileren Kurve, weil der Basiseinsatz wächst. Wer diesen Effekt missversteht, denkt, der Markt sei am Ende untragbar schnell gestiegen.
Auf einer logarithmischen Achse erkennt man hingegen, dass die Steigung konstant bleibt: 6 % Wachstum sind 6 % Wachstum – egal ob am Anfang oder nach 30 Jahren.
Der 1929er-Crash – ein verfälschtes Schreckgespenst
Der Börsencrash von 1929 wird gern als Beispiel genannt, warum Aktien langfristig riskant seien. Oft liest man, der Markt habe 89 % verloren und es habe 25 Jahre gedauert, bis der Einbruch aufgeholt war. Diese Darstellung ist irreführend.
Erstens: Die 89 % Verlust beziehen sich auf den Dow Jones Industrial Average – einen kleineren Index ohne Dividenden. Berücksichtigt man Dividenden und benutzt einen breiteren Index, ergibt sich ein maximaler realer Rückgang von etwa 79 %.
Zweitens: Die Rückkehr zum Vorkrisenniveau dauerte nicht 25, sondern nur etwa sieben Jahre.
Solche Verzerrungen entstehen, wenn man Kursindizes (ohne Dividenden) betrachtet und nominale sowie reale Renditen durcheinanderwirft. Damit zeigt dieses Schreckensszenario vor allem eines: dass sachliche Analyse wichtiger ist als Horrornarrative.
Das größere Risiko: Inflation und Opportunitätskosten
Bei der Betrachtung von Risiko wird oft nur der Preisverlust fokussiert. Doch für langfristig orientierte Anleger ist das größere Risiko die Erosion der Kaufkraft.
Inflation sorgt dafür, dass das Geld auf dem Konto jedes Jahr weniger wert ist. Selbst in Phasen niedriger Teuerung (2 – 3 %) halbiert sich die Kaufkraft innerhalb von 24 bis 35 Jahren. Wer sein Kapital auf Spareinlagen lässt, erleidet einen sicheren realen Verlust.
Der versteckte Vermögensverlust
Hinzu kommt das Opportunitätskosten-Risiko: Die Entscheidung, nicht in Aktien zu investieren, bedeutet, auf die langfristig beste Renditequelle zu verzichten.
In Deutschland zeigt sich dies drastisch: Nach Berechnungen des Instituts für Vermögensaufbau belief sich der reale Vermögensverlust durch das Festhalten an Tages- und Festgeldern im Jahr 2023 auf rund 80 Milliarden Euro. Dieser „versteckte" Verlust ist höher als jeder kurzfristige Kurseinbruch im globalen Aktienportfolio.
Risikomanagement sollte daher nicht nur vor Volatilität schützen, sondern vor allem vor dem Verlust an Kaufkraft und den entgangenen Renditen.
Fazit: Die wissenschaftliche Antwort
Können Aktien ewig steigen? Die Antwort lautet: Ja – unter zwei Bedingungen:
- Sie investieren global diversifiziert (nicht nur in einzelne Länder oder Branchen)
- Die Weltwirtschaft wächst weiter (was alle Prognosen nahelegen)
Volatilität ist kein Risiko, sondern die normale Begleiterscheinung von Wachstum. Das wahre Risiko liegt in Inflation, Opportunitätskosten und emotionalen Fehlentscheidungen.
Im nächsten Teil dieser Serie erfahren Sie, warum Aktienrenditen langfristig das Wirtschaftswachstum übertreffen können – und welche wissenschaftlichen Prinzipien Sie beim Investieren beachten sollten.
Über den Autor:
Ulrich Schild von Spannenberg ist honorarbasierte Vermögensberatung mit Fokus auf wissenschaftsbasierte Vermögensbildung. Sein Konzept verbindet moderne Kapitalmarktforschung mit steueroptimierter Struktur und politischer Risikoabsicherung durch Finanzplätze außerhalb der EU.
Weiterlesen:
- Teil 2: Warum Aktienrenditen das Wirtschaftswachstum übertreffen
- Teil 3: Das optimale Aktienportfolio: 100% Aktien für Langfristanleger
Weiterführende Informationen: Offizielle Quelle | Weitere Studie
Weiterführende Lektüre: Passender Artikel
Die nächsten Schritte
Im nächsten Teil dieser Serie erfahren Sie, warum Aktienrenditen das Wirtschaftswachstum übertreffen – und welche wissenschaftlichen Prinzipien Sie beim Investieren beachten sollten.
Für die praktische Portfoliostruktur lesen Sie unseren Artikel über das optimale Aktienportfolio mit 100% Aktien.
Entdecken Sie, wie die Schweiz als Finanzplatz Ihre Vermögensstrategie ergänzen kann.
