Warum Aktienrenditen das Wirtschaftswachstum übertreffen
Die Risikoprämie erklärt: Warum Eigenkapital mehr abwirft als die Wirtschaft wächst
Im ersten Teil dieser Serie haben wir geklärt, warum ein global diversifiziertes Aktienportfolio langfristig wachsen kann. Doch eine Frage blieb offen: Warum liegen Aktienrenditen historisch über dem Wirtschaftswachstum?
Kritiker führen gelegentlich an, Aktienrenditen könnten langfristig nicht höher sein als das Wachstum der Weltwirtschaft. Dahinter steckt die Idee, dass finanzielle Vermögenswerte die Wirtschaftsleistung nicht „überholen" dürfen. Doch das greift zu kurz.
In diesem Beitrag erklären wir, warum Aktien mehr als das BIP-Wachstum abwerfen – und welche wissenschaftlichen Prinzipien Sie beim Investieren beachten sollten.
Die Risikoprämie: Warum Eigenkapital mehr bringt
Eigenkapital trägt das volle unternehmerische Risiko
Eigenkapital ist die riskanteste Ertragsquelle. Wer in Aktien investiert, trägt das volle unternehmerische Risiko:
- Kein Anspruch auf feste Zahlungen (im Gegensatz zu Anleihen)
- Nachrangig bei Insolvenz (Gläubiger werden zuerst bedient)
- Volle Volatilität der Unternehmensgewinne
Für dieses Risiko erwarten Anleger einen Aufschlag gegenüber sichereren Anlagen (z.B. Staatsanleihen). Dieser Risikoaufschlag erklärt, warum Aktienrenditen historisch über dem Wirtschaftswachstum liegen.
Historische Daten bestätigen die Risikoprämie
Historisch lag die reale Rendite globaler Aktien zwischen etwa 5 % und 6,5 % pro Jahr. Gleichzeitig wuchs die Weltwirtschaft real im Schnitt um rund 3 %.
Der Renditeüberschuss von 2-3 Prozentpunkten spiegelt die Risikoprämie wider – die Belohnung für das Tragen von Unsicherheit.
Konsum und Abflüsse: Warum Aktien die Wirtschaft nicht „überholen"
Ein zweiter Faktor erklärt, warum die scheinbare Diskrepanz zwischen Aktienrendite und BIP-Wachstum kein Problem darstellt: Nicht alle Gewinne werden reinvestiert.
Dividenden und Ausschüttungen verlassen den Vermögenstopf
Ein Teil der Unternehmensgewinne wird konsumiert oder als Steuer abgeführt:
- Dividenden werden an Aktionäre ausgeschüttet und oft konsumiert
- Steuern fließen an den Staat
- Managementgebühren und Transaktionskosten reduzieren die Nettorendite
Die Bruttorendite mag 6 % oder mehr betragen, doch der reinvestierte Anteil (nach Kosten, Steuern und Konsum) ist geringer und bewegt sich eher im Bereich des Wirtschaftswachstums.
Aktien „überholen" die Wirtschaft netto gar nicht
Insofern „überholen" Aktien den Wirtschaftsoutput netto gar nicht dauerhaft, sondern generieren ihren Überschuss vor allem als Risiko- und Liquiditätsprämie.
Solange Unternehmen und Anleger einen Teil der Gewinne verzehren, bleibt das Verhältnis zwischen Aktienrendite und BIP-Wachstum im Lot.
Wissenschaftlich investieren: Weg mit Zockerei und Gebühren
Die Fallen aktiver Geldanlage
Viele Anleger versuchen, den Markt durch Stock Picking, Market Timing oder den Kauf von „Sicherheitsprodukten" zu schlagen. Die Finanzindustrie lebt davon, diesen Traum zu verkaufen.
In Wahrheit ist diese Herangehensweise ein teures Glücksspiel. Studien zeigen, dass die meisten Fondsmanager über lange Zeiträume nicht einmal ihre Benchmarks übertreffen. Die Kosten (Vertriebsprovisionen, Managementgebühren, Transaktionskosten) fressen den potenziellen Mehrwert auf.
Das Casino-Prinzip
Der Managementberater und Finanzcoach Gerd Kommer fasst es so: Wer glaubt, überlegene Renditen durch Auswahl einzelner Aktien zu erzielen, verhält sich wie ein Spieler im Casino – er macht das Spiel der Bank.
Der einzige sichere Weg, zu den Gewinnern zu gehören, ist, die Bank zu sein – also breit investiert zu sein und an den systematischen Faktoren zu partizipieren.
Stop-Loss-Strategien vernichten Rendite
Eine besonders schädliche Variante des Market Timings ist der Versuch, durch Stop-Loss-Strategien oder „Sicherheitsabsicherungen" Verluste zu vermeiden.
Studien und Praxiserfahrungen zeigen: Stop-Losses verkaufen Wertpapiere in Abschwungphasen und kaufen sie später teurer zurück – sie vernichten Rendite.
Langfristig orientierte Anleger sollten solche prozyklischen Mechanismen meiden und stattdessen antizyklisch agieren (also bei fallenden Kursen zukaufen).
Fünf Erfolgsfaktoren wissenschaftlichen Investierens
Die moderne Finanzmarktforschung hat fünf zentrale Prinzipien identifiziert, die langfristigen Anlageerfolg wahrscheinlicher machen:
1. Kosten minimieren
Jeder eingesparte Euro an Gebühren erhöht die Rendite. Indexfonds und ETFs sind hier unschlagbar günstig.
Ein Unterschied von nur 1 % in den jährlichen Kosten kann über 30 Jahre zu einem Renditeverlust von über 25 % führen.
2. Buy-and-Hold
Kaufen und liegen lassen schlägt ständiges Umschichten. „Hin und her macht Taschen leer" ist mehr als ein Sprichwort.
Jede Transaktion kostet Gebühren und Steuern. Zudem ist es extrem schwierig, den richtigen Zeitpunkt für Käufe und Verkäufe zu treffen.
3. Breite Diversifikation
Über Regionen, Branchen und Unternehmensgrößen streuen. Small-Cap- und Value-Titel können das Rendite-Risiko-Profil verbessern.
Die Kapitalmarktforschung (Fama/French) hat gezeigt, dass bestimmte Faktoren (Size, Value, Profitability, Investment) langfristig Überrenditen generieren.
4. Regelmäßiges Rebalancing
Einmal jährlich das Portfolio auf die Zielgewichte zurückführen, um Klumpenrisiken zu vermeiden und antizyklisch zu handeln.
Studien wie die des dänischen Asset-Managers Sparinvest zeigen, dass Rebalancing jährlich rund 0,5 % Mehrertrag bringt.
5. Disziplin und Geduld
Gerade in Krisen stark bleiben. Emotionale Reaktionen sind der größte Feind der Rendite.
Die besten Renditen erzielen Anleger, die ihre Depots in Krisenzeiten gar nicht erst öffnen und einfach weitersparen.
Rebalancing: Antizyklisches Handeln als Renditeturbo
Ein praktisches Beispiel
Stellen Sie sich ein Portfolio vor, das nur aus Apple und Intel besteht. Hätte man 2009 je 50 % investiert, wäre Apple seitdem weit stärker gestiegen als Intel.
Ohne Rebalancing wäre der Apple-Anteil auf über 90 % angewachsen – ein enormes Klumpenrisiko. Durch jährliches Zurücksetzen auf 50/50 verkauft man relativ teure Apple-Aktien und kauft günstige Intel-Aktien.
Die Sparinvest-Studie
Die Sparinvest-Studie zeigt, dass Rebalancing im Durchschnitt 0,5 % Extra-Rendite pro Jahr bringt, ohne das Risiko zu erhöhen.
Allerdings reicht eine jährliche Überprüfung; häufiger umschichten lohnt sich nicht und verursacht nur Kosten und Steuern.
Warum Rebalancing funktioniert
Rebalancing erzwingt antizyklisches Handeln:
- Verkaufen, wenn etwas teuer ist (überdurchschnittlich gestiegen)
- Kaufen, wenn etwas günstig ist (unterdurchschnittlich gestiegen)
Genau das Gegenteil von dem, was die meisten Anleger emotional tun (dem Gewinner hinterherlaufen).
Fazit: Wissenschaft schlägt Bauchgefühl
Aktienrenditen übertreffen das Wirtschaftswachstum aus zwei Gründen:
- Risikoprämie: Eigenkapital trägt das volle unternehmerische Risiko und wird dafür belohnt
- Abflüsse: Dividenden, Steuern und Konsum sorgen dafür, dass netto kein „Überholen" stattfindet
Wer wissenschaftlich investiert – Kosten minimieren, Buy-and-Hold, Diversifikation, Rebalancing, Disziplin – maximiert seine Chancen auf langfristigen Erfolg.
Im nächsten Teil dieser Serie erfahren Sie, wie ein optimales Aktienportfolio aussieht – und warum 100 % Aktien für Langfristanleger die konsequente Wahl sein können.
Über den Autor:
Ulrich Schild von Spannenberg ist honorarbasierte Vermögensberatung mit Fokus auf wissenschaftsbasierte Vermögensbildung. Sein Konzept verbindet moderne Kapitalmarktforschung mit steueroptimierter Struktur und politischer Risikoabsicherung durch Finanzplätze außerhalb der EU.
Weiterlesen:
- Teil 1: Können Aktien ewig steigen? Die wissenschaftliche Antwort
- Teil 3: Das optimale Aktienportfolio: 100% Aktien für Langfristanleger
Weiterführende Informationen: Offizielle Quelle | Weitere Studie
Weiterführende Lektüre: Passender Artikel
Vertiefende Lektüre
Wenn Sie die Grundlagen noch einmal nachlesen möchten, empfehlen wir Teil 1: Können Aktien ewig steigen?
Im nächsten Teil erfahren Sie, wie ein optimales Aktienportfolio mit 100% Aktien aussieht.
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