Das optimale Aktienportfolio: 100% Aktien für Langfristanleger
Warum ein reines Aktienportfolio für geduldige Anleger die konsequente Wahl ist
Im ersten Teil dieser Serie haben wir geklärt, warum Aktien langfristig steigen können. Im zweiten Teil haben wir die Risikoprämie und die fünf Erfolgsfaktoren wissenschaftlichen Investierens erklärt.
Jetzt stellt sich die praktische Frage: Wie sieht ein optimales Aktienportfolio aus? Und ist ein 100%-Aktienportfolio wirklich sinnvoll?
Dieser Beitrag zeigt, warum ein reines Aktienportfolio für Anleger mit langem Horizont (über 12 Jahre) die konsequente Wahl ist – und wie Sie es strukturieren sollten.
Warum 100% Aktien?
Die Logik des langen Horizonts
Für viele klingt es radikal: 100 % Aktien. Doch Anleger mit sehr langem Horizont (über 12 Jahre) und Verständnis für Risikotragfähigkeit können so die höchsten erwarteten Renditen erzielen.
Die Begründung ist einfach:
- Aktien haben die höchste Risikoprämie aller Anlageklassen
- Volatilität verpufft über lange Zeiträume (siehe Teil 1)
- Anleihen bieten kaum noch Rendite nach Inflation und Steuern
Anleihen: Ballast statt Sicherheit
Viele Anleger halten Anleihen für „Sicherheit". Doch in Zeiten niedriger Zinsen und hoher Inflation sind Anleihen eher Renditebremsen:
- Niedrige Nominalrenditen (oft unter 2 %)
- Inflationsrisiko (reale Rendite oft negativ)
- Zinsänderungsrisiko (steigende Zinsen = fallende Kurse)
Für langfristige Anleger, die Kaufkraft erhalten wollen, sind Anleihen keine Lösung. Sie reduzieren zwar die kurzfristige Volatilität, aber sie reduzieren auch die langfristige Rendite erheblich.
Die 60/40-Falle
Das klassische 60/40-Portfolio (60 % Aktien, 40 % Anleihen) war jahrzehntelang der Standard. Doch in der aktuellen Niedrigzinsphase ist es problematisch:
- Zu wenig Rendite für langfristigen Vermögensaufbau
- Zu viel Volatilität für echte Sicherheit (Anleihen können auch fallen)
- Opportunitätskosten durch entgangene Aktienrenditen
Für Anleger mit 20+ Jahren Horizont ist 60/40 ein Kompromiss, der beiden Zielen nicht gerecht wird.
Wie strukturiere ich ein 100%-Aktienportfolio?
Globale Diversifikation ist Pflicht
Ein 100%-Aktienportfolio bedeutet NICHT, alles auf eine Karte zu setzen. Im Gegenteil: Breite Streuung ist entscheidend.
Ihr Portfolio sollte abdecken:
- Regionen: Nordamerika, Europa, Asien-Pazifik, Schwellenländer
- Unternehmensgrößen: Large-Cap, Mid-Cap, Small-Cap
- Faktoren: Value, Profitability, Investment
Der Kern: MSCI World oder FTSE All-World
Für die meisten Anleger ist ein globaler Aktienindex der Kern:
- MSCI World: ca. 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern
- FTSE All-World: ca. 4.000 Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern
Diese Indizes bieten bereits eine sehr breite Streuung und decken rund 85-90 % der weltweiten Marktkapitalisierung ab.
Faktor-Tilts für Überrenditen
Die Kapitalmarktforschung (Fama/French) hat gezeigt, dass bestimmte Faktoren langfristig Überrenditen generieren:
- Size (Größe): Kleine Unternehmen (Small-Caps) haben höhere erwartete Renditen
- Value (Bewertung): Günstig bewertete Unternehmen (Value) schlagen teure (Growth)
- Profitability (Rentabilität): Profitable Unternehmen schlagen unprofitable
- Investment (Investitionsverhalten): Konservativ investierende Unternehmen schlagen aggressive
Ein Faktor-Tilt bedeutet, dass Sie Ihr Portfolio leicht in Richtung dieser Faktoren verschieben – zum Beispiel durch Übergewichtung von Small-Cap- und Value-Titeln.
Beispiel-Portfolio: Global + Faktor-Tilts
Ein mögliches Portfolio könnte so aussehen:
| Position | Allokation | Beschreibung | |----------|------------|--------------| | MSCI World | 60 % | Kern: Globale Large-Caps | | MSCI World Small-Cap | 20 % | Size-Faktor | | MSCI World Value | 10 % | Value-Faktor | | MSCI Emerging Markets | 10 % | Schwellenländer |
Dieses Portfolio ist breit diversifiziert, nutzt Faktor-Prämien und bleibt einfach umsetzbar mit ETFs.
Rebalancing: Die Disziplin macht den Unterschied
Warum Rebalancing so wichtig ist
Ohne Rebalancing würde Ihr Portfolio im Laufe der Zeit aus dem Gleichgewicht geraten:
- Stark gestiegene Positionen werden zu groß (Klumpenrisiko)
- Schwach gelaufene Positionen werden zu klein (verpasste Chancen)
Rebalancing bedeutet: Einmal jährlich das Portfolio auf die Zielgewichte zurückführen.
Rebalancing erzwingt antizyklisches Handeln
Durch Rebalancing verkaufen Sie automatisch teure Positionen (die stark gestiegen sind) und kaufen günstige Positionen (die zurückgeblieben sind).
Das ist genau das Gegenteil von dem, was die meisten Anleger emotional tun (dem Gewinner hinterherlaufen). Und genau deshalb funktioniert es.
Die Sparinvest-Studie: 0,5% Mehrrendite pro Jahr
Studien wie die des dänischen Asset-Managers Sparinvest zeigen, dass Rebalancing im Durchschnitt 0,5 % Extra-Rendite pro Jahr bringt, ohne das Risiko zu erhöhen.
Über 30 Jahre macht das einen Unterschied von über 15 % Endvermögen.
Psychologie: Der größte Feind der Rendite
Emotionale Fehler kosten mehr als Gebühren
Die größten Renditeverluste entstehen nicht durch Gebühren oder Steuern, sondern durch emotionale Fehlentscheidungen:
- Panikverkäufe in Krisen (Verluste realisieren)
- Gier-Käufe in Boomphasen (zu teuer einsteigen)
- Market Timing (ständiges Umschichten)
Studien zeigen, dass der durchschnittliche Anleger 2-3 % pro Jahr schlechter abschneidet als der Index – nicht wegen Gebühren, sondern wegen Timing-Fehlern.
Die Lösung: Automatisierung und Disziplin
Die beste Strategie gegen emotionale Fehler:
- Automatisieren: Sparplan einrichten und nicht mehr anfassen
- Nicht hinschauen: Depot in Krisen gar nicht erst öffnen
- Rebalancing-Regel: Nur einmal jährlich umschichten, nicht öfter
Die besten Renditen erzielen Anleger, die ihre Depots in Krisenzeiten gar nicht erst öffnen und einfach weitersparen.
Für wen ist 100% Aktien NICHT geeignet?
Kurzer Anlagehorizont
Wenn Sie das Geld in weniger als 10 Jahren brauchen, ist 100 % Aktien zu riskant. Die Volatilität könnte Sie zwingen, in einer Krise zu verkaufen.
Geringe Risikotragfähigkeit
Wenn Sie nachts nicht schlafen können, weil Ihr Depot 30 % im Minus ist, ist 100 % Aktien nichts für Sie. Psychologische Tragfähigkeit ist wichtiger als mathematische Optimierung.
Fehlende Liquiditätsreserve
Sie sollten immer eine Liquiditätsreserve von 3-6 Monatsgehältern auf dem Tagesgeldkonto haben. Nur das Geld, das Sie langfristig nicht brauchen, gehört in Aktien.
Fazit: Konsequenz zahlt sich aus
Ein 100%-Aktienportfolio ist für Anleger mit langem Horizont (12+ Jahre) die konsequente Wahl:
- Höchste erwartete Rendite aller Anlageklassen
- Volatilität verpufft über lange Zeiträume
- Anleihen sind Renditebremsen in der Niedrigzinsphase
Die Struktur ist einfach:
- Globaler Kern (MSCI World oder FTSE All-World)
- Faktor-Tilts (Small-Cap, Value) für Überrenditen
- Jährliches Rebalancing für Disziplin und Mehrrendite
Die größte Herausforderung ist nicht die Portfoliostruktur, sondern die psychologische Disziplin. Wer in Krisen stark bleibt und antizyklisch handelt, wird langfristig belohnt.
Über den Autor:
Ulrich Schild von Spannenberg ist honorarbasierte Vermögensberatung mit Fokus auf wissenschaftsbasierte Vermögensbildung. Sein Konzept verbindet moderne Kapitalmarktforschung mit steueroptimierter Struktur und politischer Risikoabsicherung durch Finanzplätze außerhalb der EU.
Die komplette Serie:
- Teil 1: Können Aktien ewig steigen? Die wissenschaftliche Antwort
- Teil 2: Warum Aktienrenditen das Wirtschaftswachstum übertreffen
- Teil 3: Das optimale Aktienportfolio: 100% Aktien für Langfristanleger (dieser Artikel)
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Weiterführende Informationen: Offizielle Quelle | Weitere Studie
Weiterführende Lektüre: Passender Artikel
Die komplette Serie
- Teil 1: Können Aktien ewig steigen?
- Teil 2: Warum Aktienrenditen das Wirtschaftswachstum übertreffen
- Teil 3: Das optimale Aktienportfolio: 100% Aktien für Langfristanleger (dieser Artikel)
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